Der Hemadlenz-Brunnen in Dorfen steht als stiller Zeuge eines Brauchtums, das tief in der Seele der Stadt verwurzelt ist. Mitten auf dem Rathausplatz, wo einst die Stimmen der Händler und Bürger den Tag belebten, plätschert sein Wasser sanft, als würde es die Geschichten längst vergangener Hemadlenz-Umzüge flüstern.
Im Zentrum dieses Brunnens erhebt sich die 70 cm hohe Bronzestatue des Hemadlenz – eine Gestalt, die gleichermaßen schelmisch wie ehrwürdig wirkt. In seinem langen weißen Hemd, das ihm bis über die Knie fällt, verkörpert er das Wesen des Dorfener Faschings in all seiner urwüchsigen Unbekümmertheit. Sein leicht geneigter Kopf scheint die vorbeigehenden Passanten zu mustern, als wolle er ihnen zuraunen, sich dem ausgelassenen Treiben des Unsinnigen Donnerstags hinzugeben.
Doch hinter der scheinbar harmlosen Figur steckt ein Begriff mit doppeltem Boden: In bayerischen Wörterbüchern wird ein Hemadlenz als jemand beschrieben, der nur ein Hemd trägt. „Lenz“ kann für den Frühling stehen, ein Spitzname für Lorenz sein oder den mittleren Kegel im Kegelspiel bezeichnen, wenn er allein getroffen wird. Und nicht zuletzt hat der Ausdruck auch eine obszöne Bedeutung – er steht für den Penis. Ein Wortspiel, das den schelmischen Geist des bayerischen Humors widerspiegelt.
Es ist Max Hertwig, ein Mann mit Weitblick und Liebe zur Tradition, der diesen Brunnen ins Leben ruft. Bereits 1956 legt er den Grundstein für seine Idee, als er ein Sparkassenkonto für Spenden eröffnet. Ein ganzes Jahrzehnt vergeht, bis sein Traum Wirklichkeit wird. Doch am 22. Juli 1967, an einem Tag voller festlicher Freude, enthüllen die Bürger von Dorfen feierlich das Werk des Bildhauers Prof. Hermann Wandinger. Die Menge jubelt, das Wasser beginnt zu fließen, und Hertwig – inzwischen 86 Jahre alt – sieht sein Lebenswerk vollendet. In Anerkennung seines unermüdlichen Einsatzes wird er, gemeinsam mit dem Künstler, zum Ehrenmitglied des Heimat- und Verschönerungsvereins ernannt.
Doch dieser Brunnen ist mehr als nur ein Denkmal. Er ist ein lebendiges Symbol für eine Tradition, die vielleicht seit Jahrhunderten, vielleicht gar seit Jahrtausenden besteht. Jedes Jahr, wenn sich der Winter seinem Ende zuneigt und die Narren den Unsinnigen Donnerstag herbeisehnen, erwacht Dorfen zu neuem Leben. Männer und Frauen kleiden sich in lange weiße Hemden, lassen alle Normen hinter sich und ziehen in einer fröhlichen Prozession durch die Straßen. Ihre Füße stecken in groben Holzschlappen, auf ihren Köpfen wippen Zipfelmützen. Sie sind die Hemadlenzen, Gestalten zwischen Mythos und Wirklichkeit, zwischen ausgelassener Narretei und uralter Fruchtbarkeitsmagie.
Und so steht der Hemadlenz-Brunnen nicht nur für ein Kunstwerk, sondern für ein Lebensgefühl. Sein Wasser rinnt unaufhörlich, wie die Zeit selbst, die Generation um Generation in diesen Bann zieht. Wer vor ihm verweilt, spürt die Wärme eines Brauchtums, das wie der Lenz selbst immer wiederkehrt – ungezähmt, unbeschwert, unvergänglich.
Wer mehr über die närrische Zeit in Dorfen erfahren möchte, findet spannende Einblicke in die Hemadlenzen um 1950 sowie in die Faschingszeit in Dorfen, die das unverwechselbare Brauchtum dieser Stadt lebendig werden lassen.
==================
1956 - Sparkassenkonto
Grafikers Max Hertwig eröffnet ein Sparkassenkonto für Spenden, um beim Dorfner Bildhauer Prof. Hermann Wandinger eine Hemadlenzn-Skulptur in Auftrag geben zu können.
1967 - Hemadlenz-Brunnen
In Zusammenarbeit mit dem Heimat- und Verschönerungsverein Dorfen wird der Hemadlenz-Brunnen am 22. Juli 1967 am Rathausplatz feierlich enthüllt.

Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen