Ich spüre, wie das sanfte, aber eigenwillige Herz meines Wesens zu pochen beginnt, als der Unsinnige Donnerstag anbricht. Noch vor den ersten Sonnenstrahlen, wenn die Nacht die Gassen mit ihrem leisen Atem umhüllt, wird das Erwachen eines uralten Scherzes spürbar. Ich bin Dorfen, und ich erinnere mich an die Hemadlenzen, diese seltsamen weißen Geister, die in meinen Straßen wandeln. Ihre Ankunft ist wie ein vertrauter Atemzug – ein Echo aus längst vergangener Zeit, das jedes Jahr aufs Neue lebendig wird.
In der Morgenfrühe taucht die Truppe auf, in übergroßen, schneeweißen Unterhosen und Hemden, die an den Schultern herabgleiten wie ungezähmte Stoffwellen. Ihre Gesichter sind grotesk bemalt, ein clownhaftes Grinsen erstarrt auf kalten Wangen. Die Zipfelmützen auf ihren Köpfen, einst Schutz vor Staub und Kälte, sitzen jetzt wie ein augenzwinkernder Gruß an die Vergangenheit. Mit plumpen Holzschlappen, deren Klacken auf dem Kopfsteinpflaster widerhallt, ziehen sie langsam dahin, als wären sie Gestalten aus einem Traum, der sich alljährlich wiederholt.
Jeder Hemadlenz trägt eine lange Stange, an deren Spitze eine alte Laterne mit einer flackernden Kerze hängt. Ihr Licht zittert im morgendlichen Dunst, während die Männer mit diesem funkelnden Zauberstab durch meine Straßen ziehen. Aus irgendeinem Gerät, das sie mit sich tragen, ertönen seltsame Klänge, mehr Geräusch als Melodie, doch in diesem chaotischen Klingen liegt eine ungeahnte Harmonie.
Die Hemadlenzen scheinen kein Ziel zu haben, keine Absicht, keinen vorbestimmten Weg. Sie ziehen für sich selbst – nicht für die Zuschauer, die aus ihren Fenstern spähen, sondern für die, die das Licht mit ihnen tragen. Sie sind wie ein lebendiger Strom, der durch mich fließt, ohne jemals seine Richtung zu verlieren. In ihrer Eigenart liegt eine Beständigkeit, die mich anrührt. Niemand organisiert ihren Zug, niemand applaudiert ihnen lautstark, doch sie kommen jedes Jahr, wie eine stille Verbeugung vor einer Zeit, die niemals ganz vergeht.
Ich erinnere mich an die Legende. Es heißt, ein Handwerkergeselle aus Dorfen habe auf seiner Reise durch die Rheinlande die nächtlichen Umzüge der „Hemdglonker“ in Konstanz gesehen, die „Geltentrommler“ in Waldshut und den Umzug in Wolfach mit ihrem losen, weißen Gewand und flackernden Laternen. Er brachte diesen Brauch mit zurück zu mir, in die 1880er oder 1890er Jahre, und ich bewahre ihn seither wie einen Schatz. Seine Wurzeln, so fremdartig sie scheinen mögen, sind tief in meinem Boden verankert.
Selbst in den kältesten Wintern und den härtesten Zeiten, wenn der Fasching andernorts verstummt, finden die Hemadlenzen ihren Weg. Wie ein leiser, rebellischer Funke tragen sie ihr Licht durch meine Straßen, ein trotziges Flackern inmitten von Dunkelheit. Es mag lächerlich erscheinen – zwanzig oder dreißig Männer, verkleidet, bewaffnet mit nichts als ihrer Tradition –, doch ich weiß, es ist mehr als das. Es ist eine Erinnerung, ein lebendiges Vermächtnis.
Wenn ich die Hemadlenzen sehe, fühle ich die Verbindung zu meiner Seele. Ihr schneeweißes Gewand ist wie ein Schleier, der mich einhüllt, während ihre flackernden Laternen das Licht der Vergangenheit in die Gegenwart tragen. Sie sind keine bloßen Narren – sie sind meine Hüter, die mich daran erinnern, wer ich bin: Dorfen, ein Ort, der der Narretei huldigt, weil sie Leben schenkt.

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