Der Wind streicht sanft über das zersplitterte Land, das einst stolz und einig war. Bayern – ein weites, fruchtbares Reich, durchzogen von Flüssen, Wäldern und frommen Orten – liegt nun wie ein gebrochenes Herz vor uns, geteilt durch Menschen, die Brüder sein sollten, aber Feinde werden.
Seit den Landesteilungen der Wittelsbacher im Jahr 1347 reißt ein tiefer Spalt durch dieses Bayernland. Statt gemeinsam zu herrschen, teilen sie das Erbe in kaltem Kalkül: Bayern-Ingolstadt, Bayern-Landshut, Bayern-München – drei Namen, drei Fürstentümer, drei Wege der Macht. Und doch kein Frieden.
Denn aus der Teilung erwächst der Krieg – jener finstere Bruder des Ehrgeizes. Krieg, dieser kalte, berechnende Plan der Herrschenden, ist kein wilder Zufall, sondern ein organisierter Sturm, der mit Waffen, Gewalt und brennender Gier entfesselt wird. Er kennt keine Schonung, keine Rücksicht. Sein Ziel ist klar: den eigenen Willen aufzwingen, mit eiserner Faust. Und wer sich ihm in den Weg stellt, sei es Soldat oder Bäuerin, sei es Kind oder Greis, wird unter seinem Huf zermalmt.
Mit der Landkarte vor Augen und dem Schwert in der Hand lässt man Städte brennen, Äcker verwüsten und Menschen verstummen. Der Krieg bringt nicht nur Tod – er bringt Hunger, Heimatlosigkeit, Vergewaltigung und das schleichende Sterben der Hoffnung. Es ist nicht der Kampf edler Ritter, es ist ein Reigen der Grausamkeit.
Ins Zentrum dieser dunklen Zeit tritt Ludwig der Gebartete, Herzog von Ingolstadt. 1413 übernimmt er die Herrschaft – unruhig, streitsüchtig, stolz, unersättlich. Er begehrt Ruhm, Land, Macht – und geringschätzt seine Vettern zutiefst. Seine Seele ist getrieben vom Feuer der Eitelkeit. Er sieht sich nicht als Teil eines Ganzen, sondern als Mittelpunkt, um den sich alles zu drehen hat.
Schon 1415, auf dem Konzil zu Konstanz, bricht die Wut aus ihm heraus. Im Fürstengericht schleudert er seinem Vetter, dem Landshuter Herzog Heinrich, gemeine Schmähungen entgegen. Der andere schlägt zurück, nicht mit Worten, sondern mit Stahl: In der Dunkelheit lauert Heinrich ihm auf, lässt ihn überfallen, verwunden. Seit diesem Tag lodert in Ludwig ein Feuer, das nur mit Blut gelöscht werden will.
1420 beginnt der Bayerische Krieg. Ludwig der Gebartete gegen Heinrich von Landshut. Nicht in stolzen Feldschlachten, sondern in der heimtückischen Verwüstung der Dörfer, dem Niederbrennen von Höfen, dem Plündern und Schänden. Die Wut der Herren trifft die Wehrlosen. Mütter fliehen mit ihren Kindern, alte Männer knien vor Soldaten, Kirchen brennen wie Fackeln.
In diese Wirren mischt sich Graf Georg III. von Haag, ein kluger und machthungriger Adliger. Er sieht seine Stunde gekommen und entfesselt den sogenannten Ochsenkrieg. Zwischen 1421 und 1422 kämpft er gegen Heinrich von Landshut, nicht um Gerechtigkeit, sondern um die Erweiterung seiner Grafschaft. Wieder brennt das Land, wieder schreien die Menschen.
Es ist ein Krieg der Schatten, kein Kampf in offenen Reihen. Nur ein einziges größeres Gefecht findet 1422 bei Alling nahe Fürstenfeldbruck statt. Ludwig der Gebartete verliert – und doch ist nichts gewonnen. Das Land bleibt geteilt, die Wunden bleiben offen.
Und während die Herren streiten, während sie mit Feder und Feuer Besitzansprüche und Ehre gegeneinander aufwiegen, liegt das Volk am Boden. Häuser sind Ruinen, Wege voller Leichen, und selbst die Sonne scheint über diesem Land nur noch matt und müde.
So ist dies das Jahrhundert der Dunkelheit für Bayern. Ein Jahrhundert, in dem Bruder gegen Bruder steht. Ein Jahrhundert, in dem nicht nur Land, sondern auch das Herz des Volkes in Stücke gerissen wird.
Und dennoch – irgendwo im Schatten, vielleicht in einer kleinen Kapelle, brennt eine Kerze. Eine Bäuerin flüstert ein Gebet. Ein Kind schlägt eine Tür wieder gerade. Leben keimt, trotz allem. Hoffnung ist leise, aber sie stirbt nie.
Als das Feuer über Dorfen kommt
Es ist März des Jahres 1422. Noch liegt frostiger Tau auf den Wiesen um Dorfen, die Vögel singen zaghaft den Frühling herbei, und die Bauleute arbeiten am heiligen Ort auf dem Ruprechtsberg. Dort wächst langsam, Stein um Stein, die Wallfahrtskirche Maria-Dorfen empor – ein Zeichen der Hoffnung, der Geborgenheit, der Liebe zur Gottesmutter.
Doch diese Hoffnung wird jäh zerschlagen.
Die Erde bebt unter Hufen, das Dröhnen schwerer Schritte kommt näher. Es sind keine Pilger, keine Friedensbringer – es sind Krieger, rau und entschlossen. Truppen aus der Grafschaft Haag, ausgesandt von Graf Georg III. aus dem Geschlecht der Fraunberger, überfallen den Markt Dorfen. Es ist ein Haufen aus Kriegserfahrenen, Söldnern, Hitzköpfen – eine Raufbande, die gelernt hat, zu nehmen, was sie will. Der „Ochsenkrieg“, geboren aus Machtgier und Landesdurst, entfesselt nun seine Wut über die Wehrlosen.
Der Markt Dorfen ist schwach. Ein doppelter Wassergraben, ein hölzerner Wall, gespickt mit Palisaden – das ist alles, was zwischen dem Ort und dem Grauen steht. Keine schützende Mauer, kein massives Tor. Was Dorfen an Wehrhaftigkeit fehlt, macht es mit Glauben, Gemeinschaft und Lebensmut wett – doch gegen Schwerter hilft kein Gebet.
Die Angreifer kennen kein Erbarmen. Sie brechen durch, überwinden Wall und Wasser mit Leichtigkeit. Rauch steigt auf, Schreie durchdringen die Gassen. Häuser stürzen ein, Tiere fliehen, Kinder weinen. Die Menschen, überrascht in der Stille des Alltags, können sich kaum wehren.
Und während das Herz von Dorfen blutet, trifft der Schlag mitten ins Heiligtum: Die im Bau befindliche Wallfahrtskirche Maria-Dorfen – Hoffnung der Frommen, Trost für Gebeugte – wird zerstört. Mauern bersten, Heiligenfiguren zerschellen, das unfertige Dach brennt im roten Zorn der Feinde.
Doch das Schlimmste sind nicht die Flammen. Die Männer morden. Und sie schänden.
Vergewaltigung ist ihnen nicht nur grausame Nebentat – sie ist Teil ihrer Strategie, ein bewusst eingesetztes Mittel der Einschüchterung, der Erniedrigung, des Sieges über Leib und Seele. Frauen werden geschunden, ihr Wille gebrochen, ihre Würde zertreten. Mädchen und Mütter, Jungfrauen und Greisinnen – keine ist sicher. Niemand hört ihre Schreie.
Was ihnen geschieht, wird nicht als Verbrechen erkannt. Es wird verharmlost, verschwiegen, ins Lächerliche gezogen. Man nennt es „vergewohltätigen“, ein Spottwort, das die Schande ins Absurde kehrt. Doch die seelischen Narben bleiben, tief und unauslöschlich.
Sie erhalten keine Hilfe. Keine Heilung. Auch in ihren Familien dürfen sie oft nicht sprechen. Sie tragen das Schweigen mit sich – und geben es weiter. Ihre Töchter, ihre Enkel – sie alle spüren noch die Angst, das Unausgesprochene. Selbst im Erbgut lebt die Gewalt fort – epigenetisch vererbt, als dunkler Schatten in der Seele der Nachkommen.
Und während Dorfen sich in Trümmern windet, während Rauch in den Himmel steigt und Frauen weinend ihre blutenden Kinder bergen, geschieht das Wunder der Menschlichkeit:
Pfarrer Eberhard Stainkircher von Oberdorfen, erschüttert vom Leid seiner Gemeinde, wendet sich 1425 an Rom. Er bittet nicht um Rache, nicht um Gold, sondern um Trost. Um einen Weg, den Seelen neuen Halt zu geben. Er bittet um einen Ablass für alle, die mithelfen, die zerstörte Kirche wieder aufzubauen – mit Spenden, mit Handarbeit, mit Gebeten.
Und die Kirche hört ihn. Am 26. Juni 1425 gewährt die Apostolische Kanzlei jenen Ablass, die am Fest Mariä Himmelfahrt nach Dorfen pilgern, helfen, tragen, heilen.
So beginnt aus Trümmern neues Leben.
Und obwohl Dorfen in jenen Märztagen des Jahres 1422 seine Unschuld verliert, bewahrt es seinen Glauben. Die Kirche wird neu erstehen. Die Menschen werden langsam wieder bauen, wieder beten, wieder hoffen.
Doch die Narben bleiben, tief unter der Erde und tief im Fleisch der Erinnerung. Dorfen vergisst nicht. Es trägt sein Leid in Würde – und seine Geschichte im Herzen.
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1347 bis 1503 - Wittelsbacher Landesteilungen
Durch die Landesteilungen der Wittelsbacher von 1347-1503 ist das Bayernland in mehrere Fürstentümer zerrissen. Mit diesen Teilungen kommt es zu unseligen Fehden zwischen den bayerischen Herzögen, vor allem da zum Ingolstädter Herzogtum drei voneinander getrennte Gebiete, nämlich mehrere Landgerichte um Ingolstadt, dann einige Gerichte um Wasserburg (Wasserburg und Kling), und wiederum die drei Gerichte Rattenberg, Kitzbühel und Kufstein in Tirol gehören, dazwischen liegt das Gericht Rosenheim, das den Münchner Herzögen untersteht.
1399 bis 1436 - Pfarrer Eberhard Stainkirchner
Pfarrer Eberhard Stainkirchner leitet von 1399 bis 1436 die Pfarrei Dorfen-Oberdorfen.
Ab 1413 - Das düstere Jahrhundert
Das Zeitalter Ludwigs des Gebarteten von Ingolstadt, der 1413 zur Regierung kommt, wird geradezu das düstere Jahrhundert der bayerischen Geschichte genannt.
Ludwig der Gebartete ist ein unruhiger und ehrgeiziger Mann, erfüllt von Ruhmbegierde, Streitsucht, Landhunger und Geringschätzung gegen seine bayerischen Vettern, und mit seiner rücksichtslosen Art bringt er großes Unglück über Bayern.
1415 - Konzil in Konstanz
Vor dem Fürstengericht auf dem Konzil in Konstanz 1415 ergeht sich der Ingolstädter Herzog in gemeinen Beschimpfungen gegen seinen Vetter, den Landshuter Herzog, so daß ihm dieser auf dem nächtlichen Heimwege mit Bewaffneten auflauert und ihn schwer verwundet. Nun kennt die Leidenschaft Ludwigs keine Grenzen mehr.
1420 bis 1440 - Gotische Wallfahrtskirche
Von 1420 bis 1440 wird an Stelle der hölzernen Marienkapelle von 1025 eine gotische Kirche mit einer Länge von 46,6 m, Breite 16,5 m und einer Höhe von 13,1 m und ein Karner gebaut.
1420 bis 1422 - Großen Krieg der Herren
Als von 1420 bis 1422 der Bayerische Krieg zwischen Heinrich von Bayern-Landshut und seinem Cousin Ludwig VII. dem „Gebarteten“ von Bayern-Ingolstadt tobt, nutzt Graf Georg III. aus dem Geschlecht der Fraunberger dies aus, um von 1421 bis 1422 mit einem Krieg (Ochsenkrieg) gegen Heinrich die Macht seiner Grafschaft Haag auszubauen.
Die Gegner des Großen Krieges kämpfen nicht in offenem Felde, sie wüten vielmehr mit Feuer und Schwert gegen die unschuldigen Untertanen.
1420 - Schlussstein
Der Schlussstein, der mittlere Stein eines Gewölbebogens, mit der Darstellung Mariens mit dem Kind von 1420 ist heute an der Außenseite der Chorostwand eingefügt.
1421 bis 1422 - Ochsenkrieg
Der Ochsenkrieg 1421–1422 ist eine militärische Auseinandersetzung zwischen der Grafschaft Haag unter Georg III. und dem Herzogtum Bayern-Landshut unter Heinrich XVI. in den Jahren 1421 bis 1422. Trotz überraschender militärischer Siege gegen den niederbayerischen Herzog bringt ihm dieser Krieg letztlich nichts ein.
Im Laufe des Ochsenkrieges werden mehrere hundert Dörfer und Märkte im Erdinger Bezirk und bis nach Niederbayern hinein niedergebrannt.
1421 - Burg Giebing
1421 stürmt Graf Georg III. mit seinem Haager Haufen die Burg Giebing und brennt sie nieder.
1422 - Markt Dorfen
Im März 1422 überfallen Truppen der selbständigen Grafschaft Haag den Markt Dorfen im Zuge des „Ochsenkrieges” (1421-1422).
Der Markt Dorfen ist mit einem doppelten Wassergraben und einem Wall - mit spitzen Holzpalisaden dazwischen - bewährt. Eine Stadtmauer hat der Markt nicht. Deshalb ist Dorfen kein großes Problem für die kampfeserprobte Raufbande des Haager Grafen Georg Ill. aus dem Geschlecht der Fraunberger.
Dorfen erleidet schwere Verwüstungen, die im Bau befindliche Wallfahrtskirche Maria-Dorfen auf dem Ruprechtsberg wird zerstört; die eingefallenen Truppen morden und schänden.
1422 - Hofmarken Eberspeck und Schrenk
1422 brennt Graf Georg III. die Hofmarken Eberspeck und Schrenk bei Erding und mehrere Dutzend niederbayerische Dörfer nieder.
1422 - Mordbrennern des Herzogs Ludwig
Die Mordbrennern des Herzogs Ludwig dringen von Wasserburg aus in den umliegenden Gebieten der Münchner und Landshuter Herzöge, vor allem im Gericht Erding, ein und verwüsten das Land:
1422 - Sumpf des Starzelbach-Mooses
Graf Georg III. versinkt mit seinem gepanzerten Schlachtross im Sumpf des Starzelbach-Mooses und wird von Truppen des Herzogs gefangen genommen. Er wird erst gegen Zahlung eines Lösegeldes freigelassen.
1422 - Schlacht bei Alling
Das einzige größere Gefecht des Großen Krieges findet 1422 bei Alling in der Nähe von Fürstenfeldbruck statt zwischen Ludwig dem Gebarteten und den Herzögen Ernst und Wilhelm von München, und endet mit einer Niederlage des Ingolstädter Herzogs.
1425 - Gewährung eines Ablasses
Der Pfarrer von Oberdorfen, Eberhard Stainkircher, wendet sich nach Rom mit der Bitte um die Gewährung eines Ablasses. Die Leidenden sollen getröstet und die Überlebenden ermuntert werden, beim Wiederaufbau der Kirche Unserer lieben Frau mitzuhelfen.
Der Bitte entsprechend, wird unter dem 26. 6. 1425 von der Apostolischen Kanzlei einem jeden ein Ablaß gewährt, der die Kirche am Fest Mariae Himmelfahrt besucht und durch Almosen oder Hand- und Spanndienste eigenhändig den Wiederaufbau unterstützt.
Und dennoch – irgendwo im Schatten, vielleicht in einer kleinen Kapelle, brennt eine Kerze. Eine Bäuerin flüstert ein Gebet. Ein Kind schlägt eine Tür wieder gerade. Leben keimt, trotz allem. Hoffnung ist leise, aber sie stirbt nie.
Als das Feuer über Dorfen kommt
Es ist März des Jahres 1422. Noch liegt frostiger Tau auf den Wiesen um Dorfen, die Vögel singen zaghaft den Frühling herbei, und die Bauleute arbeiten am heiligen Ort auf dem Ruprechtsberg. Dort wächst langsam, Stein um Stein, die Wallfahrtskirche Maria-Dorfen empor – ein Zeichen der Hoffnung, der Geborgenheit, der Liebe zur Gottesmutter.
Doch diese Hoffnung wird jäh zerschlagen.
Die Erde bebt unter Hufen, das Dröhnen schwerer Schritte kommt näher. Es sind keine Pilger, keine Friedensbringer – es sind Krieger, rau und entschlossen. Truppen aus der Grafschaft Haag, ausgesandt von Graf Georg III. aus dem Geschlecht der Fraunberger, überfallen den Markt Dorfen. Es ist ein Haufen aus Kriegserfahrenen, Söldnern, Hitzköpfen – eine Raufbande, die gelernt hat, zu nehmen, was sie will. Der „Ochsenkrieg“, geboren aus Machtgier und Landesdurst, entfesselt nun seine Wut über die Wehrlosen.
Der Markt Dorfen ist schwach. Ein doppelter Wassergraben, ein hölzerner Wall, gespickt mit Palisaden – das ist alles, was zwischen dem Ort und dem Grauen steht. Keine schützende Mauer, kein massives Tor. Was Dorfen an Wehrhaftigkeit fehlt, macht es mit Glauben, Gemeinschaft und Lebensmut wett – doch gegen Schwerter hilft kein Gebet.
Die Angreifer kennen kein Erbarmen. Sie brechen durch, überwinden Wall und Wasser mit Leichtigkeit. Rauch steigt auf, Schreie durchdringen die Gassen. Häuser stürzen ein, Tiere fliehen, Kinder weinen. Die Menschen, überrascht in der Stille des Alltags, können sich kaum wehren.
Und während das Herz von Dorfen blutet, trifft der Schlag mitten ins Heiligtum: Die im Bau befindliche Wallfahrtskirche Maria-Dorfen – Hoffnung der Frommen, Trost für Gebeugte – wird zerstört. Mauern bersten, Heiligenfiguren zerschellen, das unfertige Dach brennt im roten Zorn der Feinde.
Doch das Schlimmste sind nicht die Flammen. Die Männer morden. Und sie schänden.
Vergewaltigung ist ihnen nicht nur grausame Nebentat – sie ist Teil ihrer Strategie, ein bewusst eingesetztes Mittel der Einschüchterung, der Erniedrigung, des Sieges über Leib und Seele. Frauen werden geschunden, ihr Wille gebrochen, ihre Würde zertreten. Mädchen und Mütter, Jungfrauen und Greisinnen – keine ist sicher. Niemand hört ihre Schreie.
Was ihnen geschieht, wird nicht als Verbrechen erkannt. Es wird verharmlost, verschwiegen, ins Lächerliche gezogen. Man nennt es „vergewohltätigen“, ein Spottwort, das die Schande ins Absurde kehrt. Doch die seelischen Narben bleiben, tief und unauslöschlich.
Sie erhalten keine Hilfe. Keine Heilung. Auch in ihren Familien dürfen sie oft nicht sprechen. Sie tragen das Schweigen mit sich – und geben es weiter. Ihre Töchter, ihre Enkel – sie alle spüren noch die Angst, das Unausgesprochene. Selbst im Erbgut lebt die Gewalt fort – epigenetisch vererbt, als dunkler Schatten in der Seele der Nachkommen.
Und während Dorfen sich in Trümmern windet, während Rauch in den Himmel steigt und Frauen weinend ihre blutenden Kinder bergen, geschieht das Wunder der Menschlichkeit:
Pfarrer Eberhard Stainkircher von Oberdorfen, erschüttert vom Leid seiner Gemeinde, wendet sich 1425 an Rom. Er bittet nicht um Rache, nicht um Gold, sondern um Trost. Um einen Weg, den Seelen neuen Halt zu geben. Er bittet um einen Ablass für alle, die mithelfen, die zerstörte Kirche wieder aufzubauen – mit Spenden, mit Handarbeit, mit Gebeten.
Und die Kirche hört ihn. Am 26. Juni 1425 gewährt die Apostolische Kanzlei jenen Ablass, die am Fest Mariä Himmelfahrt nach Dorfen pilgern, helfen, tragen, heilen.
So beginnt aus Trümmern neues Leben.
Und obwohl Dorfen in jenen Märztagen des Jahres 1422 seine Unschuld verliert, bewahrt es seinen Glauben. Die Kirche wird neu erstehen. Die Menschen werden langsam wieder bauen, wieder beten, wieder hoffen.
Doch die Narben bleiben, tief unter der Erde und tief im Fleisch der Erinnerung. Dorfen vergisst nicht. Es trägt sein Leid in Würde – und seine Geschichte im Herzen.
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1347 bis 1503 - Wittelsbacher Landesteilungen
Durch die Landesteilungen der Wittelsbacher von 1347-1503 ist das Bayernland in mehrere Fürstentümer zerrissen. Mit diesen Teilungen kommt es zu unseligen Fehden zwischen den bayerischen Herzögen, vor allem da zum Ingolstädter Herzogtum drei voneinander getrennte Gebiete, nämlich mehrere Landgerichte um Ingolstadt, dann einige Gerichte um Wasserburg (Wasserburg und Kling), und wiederum die drei Gerichte Rattenberg, Kitzbühel und Kufstein in Tirol gehören, dazwischen liegt das Gericht Rosenheim, das den Münchner Herzögen untersteht.
1399 bis 1436 - Pfarrer Eberhard Stainkirchner
Pfarrer Eberhard Stainkirchner leitet von 1399 bis 1436 die Pfarrei Dorfen-Oberdorfen.
Ab 1413 - Das düstere Jahrhundert
Das Zeitalter Ludwigs des Gebarteten von Ingolstadt, der 1413 zur Regierung kommt, wird geradezu das düstere Jahrhundert der bayerischen Geschichte genannt.
Ludwig der Gebartete ist ein unruhiger und ehrgeiziger Mann, erfüllt von Ruhmbegierde, Streitsucht, Landhunger und Geringschätzung gegen seine bayerischen Vettern, und mit seiner rücksichtslosen Art bringt er großes Unglück über Bayern.
1415 - Konzil in Konstanz
Vor dem Fürstengericht auf dem Konzil in Konstanz 1415 ergeht sich der Ingolstädter Herzog in gemeinen Beschimpfungen gegen seinen Vetter, den Landshuter Herzog, so daß ihm dieser auf dem nächtlichen Heimwege mit Bewaffneten auflauert und ihn schwer verwundet. Nun kennt die Leidenschaft Ludwigs keine Grenzen mehr.
1420 bis 1440 - Gotische Wallfahrtskirche
Von 1420 bis 1440 wird an Stelle der hölzernen Marienkapelle von 1025 eine gotische Kirche mit einer Länge von 46,6 m, Breite 16,5 m und einer Höhe von 13,1 m und ein Karner gebaut.
1420 bis 1422 - Großen Krieg der Herren
Als von 1420 bis 1422 der Bayerische Krieg zwischen Heinrich von Bayern-Landshut und seinem Cousin Ludwig VII. dem „Gebarteten“ von Bayern-Ingolstadt tobt, nutzt Graf Georg III. aus dem Geschlecht der Fraunberger dies aus, um von 1421 bis 1422 mit einem Krieg (Ochsenkrieg) gegen Heinrich die Macht seiner Grafschaft Haag auszubauen.
Die Gegner des Großen Krieges kämpfen nicht in offenem Felde, sie wüten vielmehr mit Feuer und Schwert gegen die unschuldigen Untertanen.
1420 - Schlussstein
Der Schlussstein, der mittlere Stein eines Gewölbebogens, mit der Darstellung Mariens mit dem Kind von 1420 ist heute an der Außenseite der Chorostwand eingefügt.
1421 bis 1422 - Ochsenkrieg
Der Ochsenkrieg 1421–1422 ist eine militärische Auseinandersetzung zwischen der Grafschaft Haag unter Georg III. und dem Herzogtum Bayern-Landshut unter Heinrich XVI. in den Jahren 1421 bis 1422. Trotz überraschender militärischer Siege gegen den niederbayerischen Herzog bringt ihm dieser Krieg letztlich nichts ein.
Im Laufe des Ochsenkrieges werden mehrere hundert Dörfer und Märkte im Erdinger Bezirk und bis nach Niederbayern hinein niedergebrannt.
1421 - Burg Giebing
1421 stürmt Graf Georg III. mit seinem Haager Haufen die Burg Giebing und brennt sie nieder.
1422 - Markt Dorfen
Im März 1422 überfallen Truppen der selbständigen Grafschaft Haag den Markt Dorfen im Zuge des „Ochsenkrieges” (1421-1422).
Der Markt Dorfen ist mit einem doppelten Wassergraben und einem Wall - mit spitzen Holzpalisaden dazwischen - bewährt. Eine Stadtmauer hat der Markt nicht. Deshalb ist Dorfen kein großes Problem für die kampfeserprobte Raufbande des Haager Grafen Georg Ill. aus dem Geschlecht der Fraunberger.
Dorfen erleidet schwere Verwüstungen, die im Bau befindliche Wallfahrtskirche Maria-Dorfen auf dem Ruprechtsberg wird zerstört; die eingefallenen Truppen morden und schänden.
1422 - Hofmarken Eberspeck und Schrenk
1422 brennt Graf Georg III. die Hofmarken Eberspeck und Schrenk bei Erding und mehrere Dutzend niederbayerische Dörfer nieder.
1422 - Mordbrennern des Herzogs Ludwig
Die Mordbrennern des Herzogs Ludwig dringen von Wasserburg aus in den umliegenden Gebieten der Münchner und Landshuter Herzöge, vor allem im Gericht Erding, ein und verwüsten das Land:
- Der Pfleger Balthasar Muracher von Kling bei Wasserburg setzt mit seinen Gesellen am Pfinztag (Donnerstag) und Freitag vor Laetare (19./20. März), in der Wochen vor dem Palmtag (5. April 1422) zahlreiche Dörfer in Brand.
- Weiter verwüstet der Hofmeister und der Fraunberger am Pfinztag nach Martini Dörfer und Weiler im Gericht Erding.
- Die schlimmste Heimsuchung über das Erdinger Gebiet kommt in der Pfingstwoche und am Dreifaltigkeitssonntag (31. Mai bis 7. Juli 1422). Alles ist in diesen Tagen eine einzige Brandstätte. Überall brennende Dörfer und arme Bauern, die ihre ganze Habe verloren haben, nur weil die Herren sich nicht vertragen können, und an den armen, wehrlosen Untertanen Rache üben.
1422 - Sumpf des Starzelbach-Mooses
Graf Georg III. versinkt mit seinem gepanzerten Schlachtross im Sumpf des Starzelbach-Mooses und wird von Truppen des Herzogs gefangen genommen. Er wird erst gegen Zahlung eines Lösegeldes freigelassen.
1422 - Schlacht bei Alling
Das einzige größere Gefecht des Großen Krieges findet 1422 bei Alling in der Nähe von Fürstenfeldbruck statt zwischen Ludwig dem Gebarteten und den Herzögen Ernst und Wilhelm von München, und endet mit einer Niederlage des Ingolstädter Herzogs.
1425 - Gewährung eines Ablasses
Der Pfarrer von Oberdorfen, Eberhard Stainkircher, wendet sich nach Rom mit der Bitte um die Gewährung eines Ablasses. Die Leidenden sollen getröstet und die Überlebenden ermuntert werden, beim Wiederaufbau der Kirche Unserer lieben Frau mitzuhelfen.
Der Bitte entsprechend, wird unter dem 26. 6. 1425 von der Apostolischen Kanzlei einem jeden ein Ablaß gewährt, der die Kirche am Fest Mariae Himmelfahrt besucht und durch Almosen oder Hand- und Spanndienste eigenhändig den Wiederaufbau unterstützt.

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