Samstag, 3. Mai 2025

Wittelsbacher Wallfahrten

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Ein zarter Schleier aus Raureif liegt über dem kleinen Marktort Dorfen an diesem kalten Dezembermorgen des Jahres 1721. Die Äste der kahlen Bäume glitzern im schwachen Licht der Wintersonne, und feiner Dunst steigt von den strohgedeckten Dächern der Holzhäuser auf. In den schmalen, unbefestigten Gassen herrscht ein besonderes Knistern – nicht nur vom gefrorenen Boden, sondern vom leisen Flüstern der Aufregung: Hoher Besuch kündigt sich an.

Inmitten dieser winterlichen Stille tragen Hufschläge über das Land. Kurprinz Karl Albrecht, 24 Jahre alt, und sein Bruder Herzog Ferdinand Maria Innozenz, 22 Jahre, nähern sich auf prächtigen Pferden dem Markt. Söhne des bayerischen Kurfürsten Max Emanuel, sind sie unterwegs in einem Land, das sich nach dem langen Leid des Spanischen Erbfolgekriegs langsam zu erholen beginnt. Es ist eine Zeit der Rückbesinnung auf das Wesentliche – auf Glaube, Herkunft, Heimat. Und Dorfen – dieser bescheidene Ort zwischen Landshut und Wasserburg – ist fest verwurzelt in der Marienverehrung, wie Altötting selbst.

Als die beiden Prinzen am Kirchenportal von Mariä Himmelfahrt eintreffen, entfaltet sich ein Schauspiel voller Würde und Herzlichkeit: Der gesamte Klerus Dorfens steht in feierlicher Aufstellung. Dechant von Moosen, Kammerer Franz Nendorfer von Dorfen, ein ehrwürdiger Handelsmann aus altem Geschlecht, sowie der Pfarrer von Oberdorfen, Josef Sailer, erwarten die jungen Edelmänner. Und mit dem ersten Trompetenstoß, begleitet vom tiefen Takt der Pauken, beginnt ein Empfang, der in den Herzen der Menschen tiefe Spuren hinterlässt.

Das Gotteshaus ist festlich erleuchtet. Kerzen tauchen den barocken Raum in ein warmes Licht, das flackert und tanzt wie der Atem der Ewigkeit. Der Kirchenchor erhebt die Stimmen zur Litanei, die durch das Kirchenschiff schwebt wie ein Lobgesang an den Himmel selbst. Kinder stehen an den Seiten, ihre kleinen Stimmen fügen sich wie Silberklang in den Chorgesang – unschuldig, aufrichtig, voll kindlicher Liebe zur Gottesmutter.

Denn hier, in Dorfen, wird Maria als Beschützerin Bayerns verehrt. „Mariä Himmelfahrt“ ist nicht nur ein Fest im Kalender, es ist ein tief empfundenes Bekenntnis, das den Alltag durchdringt. Und obwohl das berühmte Gotteshaus erst 1730 vollendet wird, lebt der Glaube hier bereits in Stein, Lied und Herz.

Nach der Andacht begeben sich die Prinzen in das Priesterhaus, dessen Gänge mit frischem Tannengrün geschmückt und von zahllosen Kerzen gesäumt sind. Der Wohlgeruch verbrannter Kronwittbeeren erfüllt die Luft – süß, rauchig, geheimnisvoll. Im oberen Stockwerk beziehen ihre Begleiter die bereitgestellten Quartiere, während den Brüdern das „Fürstenzimmer“ überlassen wird – schlicht, doch ehrwürdig, mit kunstvollen Schnitzereien, einem schweren Kruzifix und gestickten Kissen, die nach Lavendel duften.

Am Abend erstrahlt der Festsaal in feierlichem Licht. Der Dechant, der Kammerer, der Pfarrer von Oberdorfen, der Prediger und der Priesterhausdirektor machen ihre Aufwartung bei der Tafel. Über den Speisen schweigt die Geschichte – doch Musik erklingt, getragen von der Stimme eines Geistlichen, der mit seinen Gesängen die Gäste unterhält. Der Klang der Melodie schwebt durch die Räume, wie ein Gruß an die Ewigkeit.

Am nächsten Morgen, als der neue Tag erwacht, feiern die Hofkapläne der Wittelsbacher einen feierlichen Gottesdienst. Die schönsten Paramente, die die Kammer zu bieten hat, werden hervorgeholt: Brokat in Gold und Blau, Seide mit kunstvollen Stickereien, die das Licht wie Tautropfen auf Blüten tragen. Es ist ein letzter, würdiger Akt der geistlichen Feierlichkeit, bevor die Prinzen ihre Reise fortsetzen – hinaus in eine Welt aus Kriegen, Thronfolgen, Ehebündnissen und Schicksalen.

Doch in Dorfen bleibt etwas zurück: Ein Leuchten. Ein Bild. Eine Erinnerung an jenen Tag im Advent des Jahres 1721, als der Glanz der Wittelsbacher das Herz des Marktes berührt – und in der Marienverehrung eine Verbindung entsteht, zart wie das Licht der Kerzen und stark wie der Glaube der Menschen in Niederbayern.
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1707 bis 1803 - Blütezeit der Wallfahrt
Erst in der Blütezeit der Wallfahrt von 1707 bis 1803 wird Dorfen ebenso wie Altötting von manchen Fürsten aus dem Hause Wittelsbach, das ja eine besondere Verehrung zur Gottesmutter als Beschützerin des Bayernlandes bekundet, aufgesucht.

1707 bis 1803 - Marienhochfest
„Mariä Himmelfahrt“ am 15. August ist in Bayern ein gesetzlicher Feiertag. Es ist das wichtigste Marienhochfest im Kirchenjahr und heißt theologisch korrekt „Hochfest der Aufnahme Marias in den Himmel“.

1719 - Erster Besuch
Der erste Bayernfürst ist der Kurfürst Max Emanuel, der am 15. August 1719, also zum Patrozinium der Wallfahrtskirche mit 4 Prinzen nach Dorfen kommt und im neuerbauten Priesterhaus Wohnung nimmt.

1721 - Prinzenbesuch
Am 12 Dezember 1721 besucht der 24jährige Kurprinz Karl Albert und sein 22jähriger Bruder Herzog Ferdinand den Markt Dorfen: Am Kirchenportal wartet der ganze Dorfener Klerus mit dem Dechant von Moosen, dem Kammerer von Oberdorfen und dem Pfarrer von Lengdorf, und hier werden die Prinzen mit Trompeten- und Paukenschall empfangen.
Dann singt der Chor im festlich erleuchteten Gotteshaus die Litanei und die Kinder fügen noch ihre eigenen Gesänge an.
Hernach beziehen die Prinzen ihr Quartier im Fürstenzimmer des festlich geschmückten Priesterhauses.
Bei der Tafel machen der Herr Dechant, Kammerer und Pfarrer von Lengdorf, sowie der Herr Prediger und Priesterhausdirektor ihre Aufwartung, und ein Geistlicher aus dem Priesterhaus sorgt durch einige Gesänge für Unterhaltung der Gäste.

1728 - Kurfürst Karl Albert
Am 18. November 1728 besucht Karl Albert, jetzt als Kurfürst, die Wallfahrt Dorfen.

1733 - Bruder Ferdinand
Sein Bruder Ferdinand folgt mit einem Besuch am 25. Mai 1733.

1736 - Kurfürstenpaar
Der Kurfürst macht mit seiner Gemahlin Amalie am 12. August 1736 nochmals eine Wallfahrt hierher, vielleicht auf der Durchreise nach Altötting, und nimmt Wohnung im Priesterhaus, während Herzog Ferdinand am 21. Dezember 1736 nach Dorfen kommt.

1737 - Letzer Besuch
Im Jahr 1737 ist das hohe Fürstenpaar am 15. August in Dorfen. Die späteren Aufzeichnungen der Wallfahrt Dorfen melden nichts mehr von Fürstenbesuchen.

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