Samstag, 3. Mai 2025

Unglück über Maria-Dorfen

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Idee einer rationalisierten Religion
Ich erinnere mich an eine Zeit, in der mein Herz von Leben und Andacht überflutet ist. Pilger aus nah und fern strömen zu mir, Dorfen, und schenken mir einen Glanz, der von tiefem Glauben getragen ist. Um die Mitte des 18. Jahrhunderts stehe ich in meiner Blüte, ein Ort der Gnade, wo das Gnadenbild von Maria-Dorfen in unzähligen Gebeten verehrt wird. Die Straßen füllen sich mit Prozessionen, Lieder schwingen durch die Luft, und der Duft von Weihrauch mischt sich mit dem frischen Hauch meiner Wiesen und Wälder. Ich bin das Ziel der Hoffenden, der Suchenden, der Glaubenden.

Doch die Welt wandelt sich, und mit ihr auch ich. Es ist die Zeit der Aufklärung, eine Ära, in der die Vernunft die Mystik zu verdrängen sucht. Die bayerische Regierung beginnt, in meinen Alltag einzugreifen. Verordnungen kommen wie unsichtbare Fesseln, schränken die Prozessionen ein, die Bittgänge, die so fest in meiner Seele verankert sind. Jahr für Jahr spüre ich den Rückgang der Pilgerzahlen, wie ein leiser Herbstwind, der die einst blühenden Bäume entlaubt.

Die Maßnahmen sind Ausdruck eines neuen Denkens, das Ordnung und Produktivität über den Glauben stellt. Prozessionen dürfen nur noch mit Genehmigung stattfinden, ihre Zahl und Dauer werden streng begrenzt. Manche meiner heiligsten Tage werden gestrichen, und ich spüre, wie die Stimmen der Andacht in mir leiser werden. Die Regierung sieht in den Wallfahrten etwas, das die Arbeitskraft bindet und den Fortschritt hemmt – doch für mich sind sie das Herz, das meinen Geist belebt.

Unter Kurfürst Maximilian III. Joseph und später unter Karl Theodor wird dieser Wandel spürbar. Verordnungen von 1766, 1770, 1775 und 1778 treffen auch mich, Dorfen. Meine Bedeutung als Wallfahrtsort verblasst. Die Menschen protestieren, versuchen, den Glauben zu bewahren, doch die Säkularisierung schreitet voran. Viele Gläubige sehen darin einen Angriff auf ihre Freiheit, auf die tiefste Verbindung zwischen Himmel und Erde.

Und doch – die Wallfahrt zu Maria-Dorfen bleibt. Zwar ist sie kleiner, bescheidener geworden, doch in den Augen derer, die mich noch besuchen, leuchtet der gleiche Glaube. In mir lebt eine Erinnerung weiter: an die Zeit, in der ich ein Leuchtturm der Hoffnung war, ein Ort, an dem Himmel und Erde sich berührten. Ich trage diese Erinnerung in meinem Kern, auch wenn die Vernunft mich nun formt und die Welt um mich rationaler wird. Meine Seele bleibt, ein stilles Echo vergangener Tage.

Einsturz, Glaube und Hingabe
Ich erinnere mich an das Jahr 1782 mit einer tiefen Traurigkeit, die meine Mauern durchdringt und meine Seele zu erschüttern scheint. Es ist die Zeit, in der ich, Dorfen, mich im Wandel befinde – ein Ort der glühenden Andacht, der von den warmen Stimmen unzähliger Pilger erfüllt ist, aber zugleich von den kalten Schatten der Aufklärung heimgesucht wird. Der Glaube, der mich einst so stark machte, beginnt zu wanken, und nun trifft mich auch noch ein Schicksalsschlag, der mein Herz zerbrechen lässt.

Am Abend des 3. Januars fühle ich ein Zittern, ein Grollen, das durch meinen Kern geht. Ohne Vorwarnung bricht ein Pfeiler in meiner geliebten Marienkirche zusammen. Das Gewölbe, das wie eine schützende Hand über Generationen von Gläubigen gewacht hat, gibt nach. Ein Teil stürzt herab, Splitter und Staub wirbeln in der Dunkelheit. Ich danke dem Himmel, dass niemand in der Kirche ist – ein Trost inmitten dieser Katastrophe.
Doch das Unglück zeigt seine grausame Tiefe erst, als die Menschen untersuchen, was geschehen ist. Sie entdecken, dass auch die anderen Pfeiler des Kirchenschiffs geschwächt sind. Einsturzgefahr – ein Wort, das sich wie ein Messer in mein Wesen bohrt. Die stolzen Säulen, die meine Gemeinschaft so lange getragen haben, müssen weichen. Man stützt sie notdürftig ab, während die Diskussionen beginnen: Wie kann man mich, mein Herz, wiederaufbauen?

Es dauert Monate voller Zweifel und Hoffnung, bis im Mai endlich eine Entscheidung fällt. Ein Neubau – aber nicht vollständig. Die alten Seitenmauern sollen bleiben, wie eine Erinnerung an meine Stärke, die nicht ganz gebrochen werden kann. Doch woher soll das Geld kommen? Die Sorge darüber ist wie ein bleierner Schleier, der sich über mich legt. Zunächst springen die Kirchen des Landgerichts Erding ein und geben 3000 Gulden, ein Lichtblick, der meine Hoffnung neu entfachen lässt.

In den folgenden Jahren kämpfe ich weiter. Die Regierung genehmigt 1784 eine Sammlung im ganzen Land, die großzügige 4089 Gulden einbringt. Doch der Preis dafür, wieder ganz zu werden, ist hoch. Im Dezember desselben Jahres müssen Geschenke, die mir die Gläubigen aus Liebe und Dankbarkeit gegeben haben – silberne Rosenkränze, Votivgaben, Ringe – verkauft werden. Es schmerzt mich, diese Zeichen der Hingabe zu verlieren, aber es ist notwendig, damit ich wieder erstrahlen kann.

Der Bau beginnt, und ich spüre, wie die fleißigen Hände und Herzen der Menschen mir neues Leben einhauchen. Doch die Kosten steigen. Bis 1787 haben sie sich auf 14.229 Gulden erhöht. Mit Mühe wird alles fertiggestellt: eine neue Kanzel, eine prachtvolle Ausmalung, Stukkaturen, eine Orgel. Am 24. Oktober 1790 ist es endlich soweit – meine Marienkirche wird durch den Freisinger Fürstbischof Joseph Konrad von Schroffenberg eingeweiht. Ich fühle den Segen, der mich durchflutet, wie einen warmen Sonnenstrahl nach einem kalten Sturm.

Doch meine Freude ist nicht ungetrübt. Die Last der Schulden drückt mich noch viele Jahre, ein ständiger Begleiter in meinem wiedergeborenen Leben. Trotzdem trage ich die Erinnerung an diese Zeit wie ein Mahnmal in meinem Herzen – ein Beweis dafür, dass ich, Dorfen, trotz aller Widrigkeiten immer wieder aufstehe, weil der Glaube und die Hingabe meiner Menschen mich tragen.

Blitzschlag, Entschlossenheit und Widerstand
Das Jahr 1794 brennt sich wie eine schmerzhafte Narbe in meine Erinnerung ein. Ich bin Dorfen, und ich trage in mir nicht nur das Lachen und die Gebete meiner Menschen, sondern auch ihre Ängste und Tragödien. An jenem unheilvollen 3. Juli ist der Himmel über mir von bedrohlicher Dunkelheit erfüllt, und die Luft knistert vor Spannung. Ich spüre die Energie, die sich in den Wolken zusammenbraut, und ahne, dass etwas Unheilvolles geschehen wird.

Dann kommt der erste Einschlag. Der Blitz, ein blendender Pfeil aus Licht, fährt in den Turm meiner geliebten Marienkirche, knapp unterhalb des Turmknopfes. Kaum habe ich den Schock verdaut, folgt ein zweiter Schlag – gnadenlos, zielsicher. In der Spitze des Turmes erwacht ein kleines Feuer, das zunächst wie eine flackernde Kerze aussieht. Meine Menschen eilen herbei, voller Hoffnung, das Feuer löschen zu können. Doch die Enge der Turmspitze macht es unmöglich, das tückische Flammenmeer zu erreichen.

Ich spüre, wie das Feuer langsam die Kontrolle übernimmt, sich seinen Weg durch das Turmdach frisst und schließlich in einem reißenden Tanz aus Glut und Rauch aufgeht. Das Holz knackt, die Flammen lodern, und ich bange um das Heiligtum, das so viele Herzen in meinem Schoß zusammengeführt hat. Mit größter Mühe retten die Menschen das Langhaus und die Kirche. Doch die Verwüstung ist groß. Die vier kleinen Glocken schmelzen in der Hitze, und die große Glocke – mit ihren stolzen dreißig Zentnern – stürzt auf das Sakristeigewölbe. Zum Glück durchschlägt sie es nicht. Die Uhr, mein stiller Zeuge der Zeit, verbrennt vollständig.

Nach der Katastrophe steht der Turm wie ein gebrochener Wächter über mir. Seine einst stolze Höhe von 118 Schuh ist zu einem Symbol der Verwüstung geworden. Oben ausgebrannt, unten von einem tiefen Riss durchzogen, gleicht er einer Laterne, die ihr Licht verloren hat. Meine Menschen beraten unter der Leitung des Erdinger Landrichters Baron von Widmann, was zu tun ist. Ich spüre ihre Entschlossenheit, auch wenn die Mittel knapp sind.

Zuerst beschaffen sie Glocken und eine neue Uhr – Zeichen dafür, dass das Leben trotz allem weitergeht. Der berühmte Glockengießer Nikolaus Regnault aus München gießt 1795 fünf neue Glocken aus dem Metall der geschmolzenen Alten und ergänzt sie mit neuem Material. Sie sind wunderschön, und als sie zum ersten Mal läuten, höre ich in ihrem Klang die Hoffnung und den Zusammenhalt meiner Menschen.

Doch der Turm – mein stiller Riese – bleibt ein Projekt voller Hindernisse. Bereits geschenktes Bauholz und Schindeln verschwinden in den unruhigen Jahren, die folgen. Truppen marschieren durch mein Herz, plündern und zerstören. Erst 1805, nach langen Jahren der Improvisation, wird der Turm in seiner jetzigen Form vollendet. Ein niedriges, pyramidenförmiges Dach mit einem grünen Anstrich krönt ihn und gibt ihm seinen neuen Charakter. Ein Blitzableiter, ein Zeichen der Vorsicht, schützt ihn nun vor weiteren Schlägen.

Wenn ich heute den mächtigen Turm betrachte, wie er stolz von der Höhe des Rupprechtsberges ins Isental blickt, fühle ich Dankbarkeit. Er ist ein Symbol für die Widerstandskraft meiner Gemeinschaft, ein Zeugnis für die Entschlossenheit meiner Menschen, mich trotz aller Schicksalsschläge zu bewahren. Und während ich die Glocken höre, die seit über zwei Jahrhunderten meine Geschichte erzählen, weiß ich, dass ich niemals zerbrechen werde.
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1760 bis 1803 - Säkularisation
Die bayerische Regierung, unter Kurfürst Maximilian III. Joseph (1727–1777) und Karl Theodor von Bayern (1724–1799), ergreift gegen Ende des 18. Jhs., im Zeitalter der Aufklärung, mehrere Maßnahmen, um religiöse Praktiken wie Prozessionen und Bittgänge einzuschränken, da diese als hinderlich für die wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklung gelten. Wallfahrten und Bittgänge werden als unvernünftige Formen des Glaubens angesehen, die Arbeitskräfte binden und den wirtschaftlichen Fortschritt hemmen. Diese Politik ist Teil des größeren Reformprogramms der Säkularisation, das darauf abzielt, die Kirche stärker unter staatliche Kontrolle zu bringen und die Religion rationaleren und staatstragenderen Grundsätzen anzupassen. Der Einfluss der Kirche soll zugunsten eines rational organisierten Staates reduziert werden.

1766 - Regulierung von Prozessionen und Feiertagen
Unter Maximilian III. Joseph wird eine Verordnung erlassen, die Prozessionen und Bittgänge auf kirchliche Hochfeste beschränkt. Ziel ist es, die häufigen und teils weit entfernten Wallfahrten zu verringern. Gleichzeitig wird die Teilnahme an Prozessionen durch Berufstätige reduziert, um die wirtschaftliche Produktivität nicht zu beeinträchtigen.

1770 - Einschränkung der Wallfahrten durch Genehmigungspflicht
Eine Verordnung aus dem Jahr 1770 führt ein Genehmigungsverfahren für Wallfahrten ein. Die örtlichen Geistlichen müssen staatliche Genehmigungen einholen, bevor größere Prozessionen oder Wallfahrten organisiert werden dürfen. Diese Maßnahme soll verhindern, dass die Wallfahrtsorte durch übermäßige Pilgerströme belastet werden.

1775 - Kontrolle von Prozessionen in kleinen Gemeinden
Eine Verordnung aus dem Jahr 1775 untersagt kleineren Gemeinden, eigenständige Prozessionen zu veranstalten. Stattdessen sollen diese Gemeinden sich an zentrale kirchliche Feiern halten. Diese Regelung wird auch eingeführt, um Ordnung und Einheit in der religiösen Praxis zu fördern.

1778 - Einschränkung von Prozessionen
Unter Karl Theodor wird eine Verordnung erlassen, die Wallfahrten stärker reglementiert und Prozessionen auf lokale Veranstaltungen begrenzt. Hier wird erstmals ausdrücklich darauf hingewiesen, dass religiöse Aktivitäten die öffentliche Ordnung und die wirtschaftliche Produktivität nicht stören dürfen.

1781 - Allgemeine Verordnung zur Reduktion kirchlicher Feiertage
Diese Verordnung streicht mehrere kirchliche Feiertage aus dem Kalender, um den Einfluss der Kirche auf das Alltagsleben zu verringern und die Arbeitsproduktivität zu steigern.

1782 - Einsturz
Am 3. Januar 1782 zwischen 8 und 9 Uhr abends erfolgt beim südlichen Portal ein  Gewölbeeinsturz. Dabei stürzt auch das Chorgewölbe ein. Die Kirche wird noch bis 1784 für Messen benützt.
Von 1784-1786 erfolgt der große Um- und Neubau unter Mathias Rößler.

1786 - Verordnung zur Beschränkung der Bittgänge
In einer weiteren Verordnung werden Prozessionen, besonders an Christi Himmelfahrt und Fronleichnam, eingeschränkt. Die Durchführung solcher religiöser Veranstaltungen wird stärker kontrolliert, und die Erteilung von Genehmigungen wird erschwert.

1794 - Turmeinsturz
Im Jahr 1794 zerstört ein Blitzschlag den oberen Teil des Turmes, das Pyramidendach, der aus Geldmangel aber erst 1805 wiederhergestellt werden kann.

Ab 1799 - Fortführung durch Montgelas
Montgelas verfolgt eine konsequente Säkularisierungspolitik, die darauf abzielt, die Kirche vollständig unter staatliche Kontrolle zu bringen. Unter seiner Führung wird auch die Zahl der Klöster drastisch reduziert. Mit dem Regierungsantritt von König Maximilian I. Joseph (Nachfolger von Karl Theodor) und der Reformarbeit von Maximilian von Montgelas (1759–1838) ab 1799 werden die Bestimmungen gegen die Wallfahrt noch rigoroser.

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