Montag, 17. März 2025

Kirchtor

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Das Kirchtor in Dorfen erhebt sich stolz und erhaben, ein faszinierendes Relikt vergangener Zeiten, das in seinem steinernen Körper die Geschichte einer Stadt bewahrt. Es ist ein Türmchen, das den Übergang von der Stadt ins Land markiert und dabei die Spuren einer lebendigen Vergangenheit trägt. Im Schatten der hohen Mauern und dem weiten Himmel darüber steht es als Wächter des Nördlichen, ein Tor, das nicht nur den Blick auf das Leben in der Stadt freigibt, sondern auch den Blick auf den Glauben, der durch die "Stepfen", die steilen Stufen, die vom Johannisplatz hinauf zur Pfarr- und Wallfahrtskirche Maria Dorfen führen, symbolisiert wird.

Im 14. Jahrhundert, als das Tor zum ersten Mal aus den Felsen der Stadtlandschaft geboren wurde, prägte es bereits das Bild eines durchdringenden, schützenden Bauwerks. Mit seiner gotischen Bauweise und dem Walmdach vermittelte es das Gefühl von Sicherheit und Beständigkeit, zugleich aber auch von Lebendigkeit, als die Zugbrücken über den Herzoggraben schwenkten und die mächtigen Eichentüren das Tor verschlossen. Über die Jahrhunderte hinweg erlebte es Umgestaltungen, und doch behielt es seine Bedeutung als symbolisches Zentrum der Stadt und als Schlüssel zu ihrer religiösen und kulturellen Identität.

Im 19. Jahrhundert wandelte sich das Bild der Umgebung: Der Johannisplatz, die Erdinger Straße und der Ruprechtsberg nahmen Gestalt an, die einst offene Weite vor dem Tor verwandelte sich in das geschäftige Leben der Stadt. Der Name "Wesner Tor" erinnert heute an den einstigen Besitzer, Georg Wesner, der das Tor bewohnte, doch der Ursprung des Namens bleibt untrennbar mit dem "Kirchtor" verbunden, das den Aufstieg zur Kirche sichert.

Die heutige Erscheinung des Kirchtors ist das Resultat vieler Umbauten. Es erhebt sich jetzt mit einem stolzen Staffelgiebel, die vier Stockwerke ragen hoch empor. Das Tor misst stattliche 16,90 Meter in der Höhe und ist mit einer Durchfahrt von 3,63 Metern breit, durch die die Geschichte, die in den Wänden verankert ist, hindurchfließt. Auf der rechten Seite schiebt sich ein Geschäftshaus in den Torkörper, ein Zeichen der fortwährenden Veränderung und Anpassung der Stadt.

In den dunklen Nächten, als der Türmer noch die Wacht hielt, schuf das Kirchtor eine Verbindung zwischen der Stadt und dem weiten Land. Der Türmer, dessen Aufgabe es war, Gefahren zu erkennen und durch seine Signale der Stadt zu verkünden, stand hoch oben und blickte über die Stadtmauern hinweg. In einer Zeit, in der Gefahr oft in der Dunkelheit lauerte, verlieh ihm die Höhe des Kirchtors eine fast mythische Bedeutung. Er war nicht nur Wächter, sondern auch ein Symbol der Wachsamkeit, des Schutzes. Die schweren Glockenschläge, die Hornsignale, die durch die Lüfte zogen, erinnerten die Stadtbewohner stets an das Band zwischen ihnen und dem Turm – das Band zwischen Sicherheit und Gefahr, zwischen der Vergangenheit und der Gegenwart.

Diese wichtige Aufgabe des Türmers wurde von mehreren Generationen von Menschen übernommen, die über Jahrzehnten hinweg die Verantwortung trugen, die Stadt und ihr Umland zu bewachen. Zu den bedeutendsten Türmern, die das Kirchtor bewohnten, gehörte Franz Antoni Götz, der 1732 erstmals die Wacht übernahm. 1774 trat Johann Heinrich Lampert seinen Dienst an, ein Witwer, der nicht nur selbst für die Stadt wachte, sondern auch drei Gesellen und einen Lehrling in seinem Dienst hatte. Nach dem Tod von Lampert im Jahr 1783 führten seine Erben die Aufgabe des Türmers fort, bis 1816 Joseph Reill diese Rolle übernahm. Schließlich trat 1850 Johann Steiner seinen Dienst an, der den Beruf des Türmers bis zu seinem Aussterben mit der Modernisierung der Sicherheits- und Kommunikationssysteme weiterführte.

Der Türmer verschwand mit der Moderne, doch das Kirchtor bleibt als ein Zeugnis der Zeit, in der er sein Leben der Stadt widmete. Noch heute, wenn man durch die Durchfahrt schreitet, kann man den Hauch dieser Geschichte spüren und die Stille der Nacht hören, die einst von den feierlichen Glockenschlägen und den entfernten Hornrufen durchbrochen wurde. Das Kirchtor bleibt ein wahrhaftiges Symbol für den Schutz, die Tradition und die Verbindung von Stadt und Land, von Vergangenheit und Gegenwart.
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1229 bis 1231 - Gründung des Marktes Dorfen
Der mittelalterliche Markt Dorfen ist mit 4 Toren, einem davor liegenden Wassergraben, dem Herzoggraben mit 4 Zugbrücken, einem mit Holzpalisaden verstärktem Wall und davor einem Spitzgraben umwehrt.
Das nördliche Stadttor wird Kirchtor genannt, da von hier aus die "Stepfen", die Stufen vom Johannisplatz hinauf zur Pfarr- und Wallfahrtskirche Maria Dorfen führen.

1443 - Steinerne Tore
Die vier steinernen Tore werden Mitte des 14. Jahrhunderts in gotischen Bauform mit Walmdach erbaut. Erste urkundliche Erwähnung 1443.

1530 - Torumbauten
Um die Wende zum 16. Jh. erhalten die vier Tore eine gotische Bauform, die nahezu identische ist mit der Form des bis heute unverändert gebliebenen Öttinger Tors.

1719 - Häuserverzeichnis
Das erste gemaine Markttor, so Antoni Wagner, Maurermeister, bewohnt.

1732 bis 1850 - Thürmer im Kirchtor
Der Türmer ist eine bedeutende Figur in mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Städten, in Dorfen ist er von 1732 bis mindestens 1850 im Kirchtor stationiert.

1732 - Erster Thürmer
Franz Antoni Götz von dem zu bewohnen habenten Kürchthor.

1774 - Häuserverzeichnis
Johann Heinrich Lampert Thurner auf dem Marktsthor, Wittiber, lebet von dessen Dienst und Besoldung; hat ein Tochter über 14 Jahr; 3 Gesellen und 1 Lehrjung.

1783 - Häuserverzeichnis
Johann Heinrich Lampert Thurners sel. Erben auf dem Kürchthor.

1815 - Siedlungen vor den Toren
Vor dem Kirchtor liegt der Johannisplatz, die Erdinger Straße sowie der Ruprechtsberg, die schon ziemlich bebaut sind.

1816 - Häuserverzeichnis
Joseph Reill Thurner.

1850 - Häuserverzeichnis
Johann Steiner, Thürmer.

1938 - Kein Thürmer mehr
Haus Nr. 4 Konditorei Wesner Georg war früher Haus Nr. 5, Thürmermeister.
Spätestens 1938 verschwand der Thürmer in Dorfen mit den modernen Sicherheits- und Kommunikationssystemen, bleibt aber ein faszinierendes Stück Stadtkultur.
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„Kommen Sie mit? Schauen Sie es sich an – hier entlang!“

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