Vor 320.000 Jahren erwacht der Dorfener Raum zu neuem Leben. Die eisigen Gletscher der vorherigen Kaltzeit sind geschmolzen, und zurück bleibt eine fruchtbare, von Flüssen durchzogene Landschaft. Das Klima ist wärmer und feuchter als heute, vergleichbar mit der heutigen submediterranen Zone. Die Luft duftet nach feuchter Erde, nach Blüten und dem Harz mächtiger Bäume, während das Licht der Sonne durch ein grünes Blätterdach fällt und sanfte Muster auf den Boden malt.
Ein Wald voller Leben
Dichte Laubmischwälder dominieren die Hügellandschaft. Eichen und Linden ragen hoch auf, ihre mächtigen Kronen wogen sanft im Wind. Ulmen, Hainbuchen und Rotbuchen stehen in ihrem Schatten, während Haselsträucher und Dornbüsche das Unterholz formen. In feuchten Senken leuchten die Silberstämme der Erlen, dazwischen stehen Silberpappeln, deren Blätter in der Brise flüstern.
Doch dieser Wald trägt auch exotische Spuren. Flügelnüsse mit ausladenden Ästen wachsen an den Ufern der Flüsse, während sich Wilder Wein an den Stämmen uralter Bäume emporschlängelt. Buchsbaumdickichte mit ihren immergrünen Blättern verströmen ihren eigenen, herben Duft.
Farben und Düfte der Wiesen
Dort, wo Lichtungen den Wald durchbrechen, breitet sich ein Teppich aus Blüten aus. Wiesen-Kuhschellen wiegen ihre violetten Blütenköpfe im Wind, während Karthäusernelken mit ihrer intensiven Farbe das Auge fesseln. Schlüsselblumen stehen in goldgelben Büscheln am Waldrand, und Orchideen blühen in versteckten Ecken, verborgen zwischen Farnen, die in feuchtem Schatten gedeihen.
In den Sümpfen und Flussauen
Zwischen den Hügeln schlängeln sich mäandernde Flüsse, ihre Ufer gesäumt von Erlen und Weiden. Hier treiben Wasserlinsen auf der Oberfläche ruhiger Tümpel, Seerosen öffnen ihre Blüten dem Himmel. In den Sümpfen ragen Schilfrohre empor, und der Ruf eines Schwarzstorches durchbricht die Stille, während ein Fischadler mit scharfen Augen nach Beute späht.
Eine Welt der Giganten
Diese Wälder und Wiesen sind nicht nur eine Idylle, sondern auch das Reich mächtiger Tiere. Der Europäische Waldelefant durchstreift gemächlich die Lichtungen, seine riesigen Füße hinterlassen tiefe Spuren im weichen Boden. Neben ihm grasen Waldnashörner, ihre massigen Körper fast lautlos zwischen den Bäumen.
In den Schatten des Waldes stehen Rothirsche, lauschen mit gespitzten Ohren. Ihre größeren Verwandten, die Riesenhirsche mit ihren gewaltigen, bis zu vier Meter breiten Geweihen, sind seltener, doch ihre Erscheinung beeindruckt. Wildschweine wühlen im feuchten Boden, während Bären durch das Unterholz streifen, immer auf der Suche nach Beeren und Honig.
Jäger und Gejagte
Nicht nur Pflanzenfresser beherrschen diese Welt. In der Dämmerung schleicht ein Wolf lautlos durch das Gehölz, seine gelben Augen funkeln. Der große Uhu beobachtet die Szene von einem Ast aus, sein lautloser Flug beginnt erst, wenn die Nacht hereinbricht.
Tief in den Wäldern klopfen Spechte an Baumstämme, während kleine Nagetiere wie Haselmäuse und Siebenschläfer flink durch das Geäst huschen. An den Flussufern bauen Biber ihre Burgen, und die gigantischen Trogontherium-Biber, die doppelt so groß sind wie ihre heutigen Verwandten, gestalten mit ihren Dämmen die Landschaft.
Eine Welt voller Stimmen
Das Mindel-Riß-Interglazial lebt – es summt, zwitschert, brüllt und flüstert. Schmetterlinge tanzen über bunten Wiesen, Libellen jagen über das Wasser, Wildbienen fliegen emsig von Blüte zu Blüte. Hirschkäfer duellieren sich mit ihren mächtigen Kiefern, während Pilze im Schatten alter Baumstämme ihr verborgenes Werk verrichten.
Die Wildnis von Dorfen
Hier, in dieser üppigen, pulsierenden Natur, gibt es keinen Stillstand. Alles ist in Bewegung, alles folgt einem Rhythmus, der älter ist als die Menschen. Und doch – eines Tages wird der Mensch diese Landschaft betreten. Doch noch ist dieser Moment fern. Noch gehört diese Welt allein den Tieren, den Pflanzen, dem Wind und dem fließenden Wasser.
Eine neue Spezies durchstreift die Hügel und Täler Dorfens
Sanftes Licht fällt durch das Blätterdach der alten Eichen und Buchen, bricht sich auf moosbewachsenen Steinen und tanzt auf dem weichen Waldboden. In der Ferne rauscht ein Fluss, sein silbriges Band schlängelt sich durch das Tal, während Vogelrufe und das Rascheln des Laubs die Stille füllen. Plötzlich, zwischen den Schatten der Bäume, tauchen sie auf. Eine Gruppe bewegt sich lautlos durch das Dickicht, ihre Schritte so sicher wie die der Wölfe, die ihnen aus der Ferne misstrauisch folgen.
Sie sind kräftig, breitschultrig, von massiger Statur. Ihre Körper, von der Sonne gewärmt, sind von einer dunklen Haut überzogen, die das Licht schluckt und schimmert, wenn der Schweiß auf ihrer Haut glitzert. Sie tragen keine Felle, kein Gewebe bedeckt ihre Glieder. Ihre Muskeln zeichnen sich unter der Haut ab, mit jedem Schritt rollen die Sehnen über Knochen und Gelenke. Die Männer sind etwas größer als die Frauen, doch ihre Körper verraten dieselbe Kraft, denselben geschmeidigen, erdverbundenen Gang.
Ihre Gesichter sind markant, kantig und zugleich urtümlich. Über ihren tief liegenden Augen wölbt sich ein massiver Knochenwulst, eine durchgehende Linie über der Nase, die in einer sanften Biegung nach unten reicht. Die Augen selbst liegen weit auseinander, getrennt durch einen breiten Nasenrücken, der ihren Gesichtern eine fremde, fast tierhafte Anmutung verleiht. Nase und Unterkiefer treten deutlich hervor, ähnlich einer Schnauze, während die Stirn flach nach hinten abfällt. Doch in ihren Augen blitzt Intelligenz auf, ein wacher, forschender Blick, der das Land durchdringt, als würde er es lesen.
Ihr Haar wächst in dunklen, dichten Strähnen auf ihren Köpfen, umrahmt ihre breiten, kräftigen Gesichter und reicht bei manchen in wilden Locken über Schultern und Rücken. Ihr übriger Körper ist weitgehend unbehaart, bis auf einzelne Büschel an den Armen, im Schambereich und an den Beinen, wo es in weichen Linien verläuft. Die Sonne lässt ihre Haut schimmern, tiefdunkel, widerstandsfähig gegen die Strahlen, die durch das Blätterdach dringen.
Sie tragen keine Schmuckstücke, keine Verzierungen, keine Zeichen außer denen, die die Natur ihnen gegeben hat. Ihr einziger Schmuck ist ihre Kraft, ihre Körper, die für Bewegung, für das Leben in der Wildnis geschaffen sind.
Doch in ihren Händen tragen sie Werkzeuge, die von Wissen und Erfahrung zeugen. Die meisten Männer halten lange Speere, bis zu zweieinhalb Meter aus festem Fichtenholz gefertigt. Ihre kräftigen Hände umfassen das geglättete Holz mit fester Sicherheit, die Fingerspitzen spüren die feinen Einkerbungen, die den Griff verbessern. Die Speere sind nicht nur einfache Stäbe, sondern ausgeklügelte Waffen – mit ihrer Schwerpunktlage geschaffen, um mit Präzision zu fliegen und tief ins Fleisch großer Tiere zu dringen. Pferde, Wisente, vielleicht auch ein unachtsamer Hirsch – sie sind die Beute, für die diese Speere gemacht wurden.
Die Frauen tragen vor allem kürzere, leichtere Waffen. Wurfstöcke, geschmeidig geformt, bereit, Kleintiere aus dem Unterholz zu schlagen. In ihren Händen ruhen auch Holzschäfte mit sorgfältig eingefügten Steinklingen – Werkzeuge, die Fleisch schneiden, Holz spalten, Tierhäute lösen. Ihre Bewegungen sind geschickt, ihre Griffe geübt, als sei ihnen das Bearbeiten, das Schneiden, das Aushöhlen von Tierhäuten in Fleisch und Blut übergegangen.
Fünfundzwanzig von ihnen ziehen durch diese unberührte Welt, ihre Blicke wachsam, ihre Ohren gespitzt. Sie gehen in sich ruhend, als hätten sie diesen Ort schon immer gekannt, als sei er eine alte, wiedergefundene Heimat.
Noch kennt dieses Land keine Fußspuren wie die ihren. Noch ist der Wind das einzige, was Geschichten über diese Hügel und Täler trägt. Doch mit ihnen betritt eine neue Spezies diesen Raum – Frauen und Männer einer Art, die nie zuvor hier gewesen ist.
Sie sind die Ersten.
Die ersten Menschen im Dorfener Raum.
Sie sind Homo heidelbergensis.
Nackt im "Garten Dorfen"
Die Luft ist warm und trägt den Duft von feuchter Erde und blühenden Kräutern. Hoch oben, zwischen den Wipfeln der mächtigen Eichen und Linden, glitzert das Sonnenlicht in goldenen Flecken. Die Blätter rauschen sanft im Wind, und ein Fluss schlängelt sich glitzernd durch das Tal. Am Ufer hockt eine Frau, ihr dunkler Körper spiegelt sich im klaren Wasser. Sie taucht ihre Hände hinein, spürt die kühle Strömung, schöpft Wasser und lässt es über ihre Schultern rinnen. Es gibt kein Zögern in ihrer Bewegung, keine Unsicherheit, kein Bewusstsein von sich selbst als etwas, das bedeckt werden müsste.
Einige Meter weiter stehen Männer und Frauen beieinander, reden mit leiser Stimme, ihre Gesten ruhig und selbstverständlich. Die Sonne wirft ihre Schatten auf die Erde, malt die Konturen ihrer starken, massiven Körper auf den Boden. Kein Stück Stoff trennt sie von der Welt, nichts liegt zwischen ihrer Haut und der Berührung der Brise. Sie gehen nackt, wie es alle vor ihnen getan haben, wie es selbstverständlich ist, wie es immer war.
Für sie ist Nacktheit keine Frage. Sie sind so geboren, so gewachsen, so geformt durch das Leben. Sie haben nie etwas anderes gekannt. Ihre Nacktheit bedeutet nicht Schwäche, sondern Natürlichkeit, nicht Scham, sondern Freiheit. Sie trägt die Unschuld in sich, die Unbefangenheit derer, die nie in eine andere Wirklichkeit gezwungen wurden.
Doch diese nackte Existenz ist auch ein Zeichen der Verletzlichkeit. Der dichte Pelz ihrer Vorfahren ist längst verschwunden. Ihre Haut steht bloß unter der Sonne, nimmt Hitze auf und gibt sie wieder ab. Der Wind kühlt sie, der Regen prasselt ungefiltert auf sie herab. Sie sind nicht mehr umhüllt, nicht mehr geschützt durch das dichte Fell, das einst ihre Vorfahren bedeckte. Und doch sind sie stärker als je zuvor – klüger, geschickter, einander verbunden durch das Wissen, dass sie gemeinsam mehr sind als die Summe ihrer Körper.
Ihr Leben, ihr nacktes Dasein, hallt durch die Zeit. Es ist ein Echo, das sich in den Generationen verankert, das durch die Jahrtausende schwingt. Und lange nachdem ihre Fußspuren aus dem weichen Boden des Dorfener Raumes verschwunden sind, bleibt die Erinnerung an sie erhalten – nicht als bewusste Erzählung, sondern als tiefe, verborgene Wahrheit im Innersten des Menschen.
Unzählige Generationen später, in einer Welt, die ihre Nacktheit längst vergessen hat, wird diese Erinnerung zu einem Mythos.
In den Erzählungen derer, die Worte auf Pergament schreiben, bleibt die Vorstellung eines Ortes, in dem die ersten Menschen nackt waren, ohne Scham. Der Garten Eden. Ein Paradies, in dem Adam und Eva frei leben, nichts wissend von Schande, nichts wissend von Bedeckung. Genesis 2,25: „Und sie waren beide nackt, die Frau und ihr Mann, und sie schämten sich nicht.“
Diese Worte tragen die uralte Wahrheit, tief verankert im kollektiven Unterbewusstsein. Sie erzählen nicht nur eine Geschichte über Glauben und Moral – sie sind ein Echo aus einer fernen Zeit, eine blasse Erinnerung an jene ersten Frauen und Männer, die hier durch die Wälder zogen. Eine Erinnerung an jene, die nackt und frei durch das Land streiften, ohne den Gedanken, dass es anders sein könnte.
Der Wandel zur Nacktheit, der vor etwa 1 bis 2 Millionen Jahren einsetzt, markiert diesen entscheidenden Moment in der Entwicklung des Menschen. Die Zeit, in der sich die Körperbehaarung stark reduziert, und die Haare nur noch in spezifischen Biotopen erhalten bleiben bringen den Menschen dem nackten Dasein näher, so dass er keine Scham und keinen Zwang kennt, sondern ein Leben in Einklang mit der Natur.
Doch der Garten Eden, so wie er in späteren Jahrhunderten erzählt wird, ist nicht nur ein Ort der Unschuld. Er ist auch der Ort des Wandels.
So wie einst die Nacktheit selbstverständlich war, so kommt irgendwann der Moment, in dem sich etwas ändert. In der Bibel ist es der Moment der Erkenntnis – der Biss in die Frucht, der den Menschen bewusst macht, dass er nackt ist. Genesis 3,7: „Da wurden ihnen beiden die Augen aufgetan, und sie erkannten, dass sie nackt waren; und sie banden Feigenblätter um sich.“
Dieses uralte Wissen, dieses verdrängte Gefühl, trägt die Spur einer echten, biologischen Veränderung. Denn es gab eine Zeit, in der die Menschen keine Kleider kannten. Eine Zeit, die Millionen von Jahren währte. Eine Zeit, die erst endete, als die ersten Menschen begannen, sich zu bedecken – als aus einem nackten Wesen eines wurde, das Schutz sucht, das sich eine zweite Haut schafft, die nicht mehr von Natur aus zu ihm gehört.
Die Trennung der Kleiderlaus von der Kopflaus vor etwa 83.000 Jahren markiert diesen Punkt. Die Zeit, in der der Mensch beginnt, sich nicht nur gegen Kälte zu schützen, sondern sich selbst anders zu sehen. Es ist der Moment, in dem aus der nackten, felllosen Selbstverständlichkeit eine Ausnahme wird – eine Erinnerung, die nur noch als ferne Ahnung in den alten Geschichten weiterlebt.
Doch hier, in diesem Augenblick, in dieser frühen Welt des Homo heidelbergensis, gibt es keine Feigenblätter, keine Scham, kein Bewusstsein von einer verlorenen Zeit.
Hier ist der Mensch noch eins mit seiner Natur.
Nackt im „Garten Dorfen“.
Lagerplatz der Niederkunft
Die Luft ist warm und trägt den schweren Duft der Erde. Die Sonne steht hoch am Himmel, während sich eine Gruppe von 25 Menschen langsam durch das weite Land bewegt. Ihre Körper, sonnengebräunt und kräftig, gleiten durch das hohe Gras, das sanft unter ihren Schritten nachgibt. Sie sind unterwegs, wie immer, doch heute haben sie ein Ziel. Zwei Frauen in ihrer Mitte tragen das Leben in sich, ihre Bäuche sind rund, ihr Gang bedächtig. Die Zeit der Geburt ist nahe.
Sie suchen einen Platz, der Schutz bietet – vor dem Wind, vor den Augen der Tiere, vor der Unsicherheit der Wildnis. Die Alten gehen voraus, prüfen den Boden, schnuppern in die Luft, betrachten den Lauf des Wassers. Sie wissen, wo man rasten kann, wo das Feuer brennen wird, wo sich der Kreis der Horde für eine Weile schließen kann. Dann endlich finden sie ihn.
Das Lager am Wasser
An einem sanften Hang, in der Nähe eines breiten Flusses, schlagen sie ihr Lager auf. Es ist ein Ort, der Geborgenheit verspricht – das Wasser ist klar, das Ufer gesäumt von Bäumen, und in der Nähe gibt es eine Höhle, falls das Wetter umschlägt. Hier können sie bleiben, bis die Kinder geboren sind, bis die Mütter wieder stark genug sind, um weiterzuziehen.
Die Männer machen sich an die Arbeit. Einige ziehen los, um Holz zu sammeln, während andere mit scharfen Steinklingen Zweige abschneiden. Sie errichten einfache Unterstände aus langen Ästen und Flechtwerk. In der Mitte des Lagers legen sie eine Feuerstelle an, umgeben von flachen Steinen, die später die Wärme halten werden.
Die Frauen gehen ans Wasser, waschen ihre Gesichter, trinken mit tiefen, ruhigen Zügen. Sie pflücken essbare Blätter und Wurzeln, sammeln harte Samen, knacken Nüsse mit geübten Händen. Die jüngeren von ihnen klettern auf Bäume, ziehen süße Früchte von den Zweigen, lachen dabei und rufen sich neckische Worte zu.
Bald steigt Rauch auf, das Feuer brennt, und das Lager ist vollständig.
Jagen, Sammeln, Überleben
Noch bevor die Nacht hereinbricht, sind die Jäger unterwegs. Sie tragen lange, glatte Speere aus Fichtenholz, manche mit scharfen Steinklingen an der Spitze. Die Männer gehen schweigend, ihre Bewegungen sind ruhig, zielgerichtet. Sie wissen, dass es hier Wild gibt – Pferde, vielleicht sogar einen Hirsch.
Zurück im Lager schaben die Frauen mit scharfen Steinklingen Rinde von Ästen, um daraus Werkzeuge herzustellen. Andere knien auf dem Boden und zerkleinern Wurzeln mit flachen Steinen. Sie kauen auf zähen Fasern, während sie arbeiten, lassen ihre Gedanken schweifen. Die schwangeren Frauen sitzen auf weichen, mit Gras ausgepolsterten Plätzen. Sie reden leise, ihre Hände ruhen auf ihren runden Bäuchen, während das Leben in ihnen sich regt.
Später am Abend kehren die Jäger zurück. Sie haben Erfolg gehabt. Ein junges Pferd liegt über ihrer Schulter, sein Hals durchtrennt von einer scharfen Steinklinge. Die Männer lassen sich nieder, atmen schwer, während die Frauen sich erheben und das Tier in Empfang nehmen. Ihre Hände sind geschickt, geübt. Sie schneiden das Fleisch in Streifen, legen es auf heiße Steine, damit es bräunt. Sie schaben die Haut ab, waschen sie am Fluss, schlagen sie mit Holzstöcken weich.
Einige der Männer sitzen am Feuer und nutzen ihre Zähne, um Sehnen zu durchtrennen. Kratzer im Zahnschmelz zeigen, dass sie oft so arbeiten – sie klemmen das Material zwischen die Schneidezähne und schneiden es mit kleinen, scharfen Klingen durch. Meist von links oben nach rechts unten. Fast alle von ihnen sind Rechtshänder.
Der Rhythmus der Gemeinschaft
Während die Nacht hereinbricht, sitzt die Horde zusammen. Das Feuer knistert, wirft zuckende Schatten auf ihre nackten Körper. Der Geruch von Fleisch hängt in der Luft. Die Stimmen sind ruhig, tief, getragen vom Rhythmus der uralten Geschichten.
Es gibt keine Anführer, keine Befehle. Jeder kennt seine Aufgabe, jeder trägt seinen Teil bei. Die Älteren geben ihr Wissen weiter, die Jungen lernen durch Beobachten. Ihre Welt ist einfach, aber nicht ohne Regeln. Sie leben nach den Gesetzen der Natur, und die wichtigste Regel ist die des Überlebens – für sich, für die Horde, für die Kinder, die bald geboren werden.
Die beiden schwangeren Frauen lehnen sich gegen eine warme Brust, spüren die Hände ihrer Gefährtinnen auf ihrer Haut. Sie sind nicht allein. Die Geburt wird kommen, vielleicht schon in dieser Nacht. Aber sie haben keine Angst. Hier, in der Mitte ihrer Gemeinschaft, sind sie sicher.
Über ihnen funkeln die Sterne, dieselben Sterne, unter denen einst ihre Vorfahren durch die Welt zogen. Dieselben Sterne, unter denen ihre Nachkommen noch in ferner Zukunft leben werden. Und während das Feuer knistert und das Leben weitergeht, liegt in dieser Nacht etwas Heiliges in der Luft.
Der Lagerplatz der Niederkunft.
Ein Ort des Anfangs, ein Ort der Ewigkeit.
Neues Leben für die Geisterwelt
Das Feuer brennt hoch in der Mitte des Lagers. Seine Flammen tanzen in der kühlen Nachtluft, werfen Schatten auf die Umrisse der Menschen, die sich im Kreis versammelt haben. Die Luft ist erfüllt vom warmen Geruch verbrannten Holzes, dem schweren Duft von Kräutern und dem leisen Murmeln der Alten, die in die Dunkelheit singen. Es ist eine Nacht der Verbindung – zwischen den Lebenden und den Geistern, zwischen den Menschen und der Welt, die sie umgibt.
Die Geburt als Zeichen der Geister
Die beiden Frauen haben ihre Kinder geboren. Zwei neue Leben liegen nun in den Armen ihrer Mütter, eingehüllt in weiche Tierfelle, geschützt vor der Kälte der Nacht. Die Geburt war ein Zeichen – ein Geschenk der Geisterwelt. Das Volk der Menschen ist gewachsen, die Gemeinschaft hat sich erneuert.
Die älteste Frau des Lagers, ihre Haut von Falten gezeichnet wie die Rinde einer alten Buche, tritt in die Mitte des Kreises. In ihrer Hand hält sie einen kleinen, sorgfältig geschnitzten Knochen, verziert mit feinen Mustern, die die Geschichten vergangener Zeiten erzählen. Sie berührt mit ihm sanft die Stirn der Neugeborenen. Ein Zeichen der Annahme, der Zugehörigkeit.
„Die Geister haben euch gesandt“, raunt sie, ihre Stimme kaum lauter als das Knistern des Feuers. „Ihr gehört nun zu uns – zu unserer Familie, zu unseren Ahnen, zu den Wesen dieser Welt.“
Die Verbindung zu den Geistern
Die Menschen der Gruppe glauben nicht nur an das, was sie sehen. Sie wissen, dass in allem, was lebt – und in vielem, was nicht lebt – Geister wohnen. Die hohen Bäume, die ihre Äste über das Lager strecken, sind alte Wächter. Die Quellen, die das Wasser schenken, haben ihre eigene Stimme. Die Berge in der Ferne sind nicht bloß Steine, sondern ruhende Riesen, deren Atem der Wind ist.
Und über allem stehen die Tiere. Manche von ihnen sind Begleiter, andere sind Lehrer, einige sind Opfer. Doch jedes Tier gehört jemandem. Die Jagd ist keine einfache Tat, sondern eine Bitte, ein Tausch. Denn die Geister der Tiere wachen über ihre Schützlinge, und wer ohne Respekt jagt, lädt den Zorn der Herrin oder des Herrn der Tiere auf sich.
Die Kinder werden in dieses Wissen hineingeboren. Die Alten erzählen, dass ein jedes Wesen sein Totem hat – eine mythische Verbindung zu einem Tier oder einer Pflanze. Die Neugeborenen werden nun ihre Zeichen erhalten, die Bindung zwischen ihnen und der Geisterwelt wird besiegelt.
Das Fest der Geisterwelt
Als das Feuer höher lodert, beginnt der Tanz. Die Männer und Frauen bewegen sich in langsamen, geschmeidigen Schritten, ihre Körper glänzen im Licht der Flammen. Ihre Arme zeichnen die Umrisse von Tieren in die Luft, sie imitieren die Bewegungen der Hirsche, der Bären, der Wölfe.
Ein Jäger nimmt eine Handvoll Asche, zeichnet damit Streifen auf seine Brust. Ein anderes Mitglied des Lagers ahmt das Knurren eines Luchses nach. Die Alten schlagen mit Stöcken auf ausgehöhlte Holzstämme, ein dumpfer, gleichmäßiger Rhythmus erfüllt die Nacht.
Dann tritt der Großvater der beiden Neugeborenen vor. Er kniet nieder, hebt vorsichtig ein kleines Bündel in seinen Armen. Die erste der beiden Frauen legt ihr Kind in das Moos vor ihm. Die andere folgt.
„Welches Tier wird euer Zeichen sein?“ flüstert er.
Ein Schrei durchschneidet die Stille. Hoch über den Köpfen der Menschen kreist ein Uhu, seine Flügel schlagen lautlos in der Dunkelheit. In der Ferne heult ein Wolf. Der Großvater nickt.
„Die Eule wird über euch wachen. Der Wolf wird euer Schutz sein.“
Er nimmt einen glatten Stein, auf dem feine Linien eingeritzt sind, und zeichnet die Symbole der Tiere auf die Stirnen der Neugeborenen. Die Gemeinschaft singt, die Stimmen steigen auf zu den Sternen.
Die Welt ist eine Einheit
In dieser Nacht gibt es kein Getrenntsein. Die Menschen und die Geister, die Tiere und die Bäume, das Wasser und das Feuer – alles ist verbunden, alles gehört zusammen.
Die Kinder schlafen ruhig, eng an ihre Mütter geschmiegt. Sie gehören nun zur Welt, zur Familie, zu den Ahnen, zu den Wesen des Waldes und der Lüfte.
Und das Fest dauert an. Bis das Feuer nur noch glimmt, bis der erste Vogel den Morgen verkündet, bis der neue Tag beginnt – ein Tag, an dem die Geisterwelt zwei neue Seelen in ihrer Mitte begrüßt.

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