Freitag, 28. März 2025

Bierkrieg in Dorfen

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Der famous Bierkrieg
„Es waren noch keine vier Wochen her, daß die amerikanischen Truppen 1945 in dem 50 Kilometer östlich von München gelegenen Marktflecken Dorfen an der Isen einrückten. Fragt mich da ein Amerikaner — ich glaub —, er war aus Pennsylvania —, ob das Dorfen hier jener Ort sei, der durch den Bierkrieg 1910 so ‚famous‘ geworden ist?" Mit diesen Worten führt Bürgermeister Erhard im Jahr der Stadterhebung 1954 in die Geschichte ein, die meinen Namen unvergessen gemacht hat: den Bierkrieg von 1910.

Die Wurzeln dieses Konflikts reichen zurück in die politisch aufgewühlten Jahre des frühen 20. Jahrhunderts. Kaiser Wilhelm II., ein Mann mit hochfliegenden Plänen und einem Hang zur Verschwendung, regiert ein Reich, das finanziell in die Knie geht. Seine Politik der Hochrüstung hat die Staatskasse leergeräumt. 1908 steht das Reich mit 4,5 Milliarden Mark in der Schuld. Die Regierung ist gezwungen, neue Einnahmequellen zu erschließen, um den drohenden Bankrott abzuwenden.

In Bayern, meinem geliebten Land, wächst der Druck aus Berlin. Bayern wird gezwungen, seinen Beitrag zur Sanierung des Reichshaushalts zu leisten. Doch die bayerischen Politiker der Zentrumspartei, allen voran der Abgeordnete Staffer, denken nicht daran, den Widerstand ihres Landes gegen die preußische Übermacht zu zeigen. Stattdessen fügen sie sich dem Druck und legen die Lasten rücksichtslos auf den kleinen Mann um.

Am 15. März 1910 verabschieden sie das „Malzaufschlaggesetz“. Dieses Gesetz zielt darauf ab, eine zusätzliche Steuer auf Malz zu erheben, gestaffelt nach dem Verbrauch der Brauereien. Offiziell sollen die Brauer diese Steuer direkt an das Finanzamt abführen, doch in der Realität kommt alles anders. Die Brauereien, die sich weigern, die Kosten selbst zu tragen, wälzen sie vollständig auf die Wirte und Flaschenbierhändler ab. Diese wiederum reichen die zusätzliche Belastung ungefiltert an die Endverbraucher weiter. Der Bierpreis steigt – eine Maß kostet nun 26 statt 24 Pfennig. Was als bürokratische Maßnahme in München beginnt, trifft in meinen Wirtshäusern die Herzen der Menschen und entfacht eine Empörung, die bis heute nachhallt.

So geschieht es, dass der Preis einer Maß Bier von 24 auf 26 Pfennig steigt. Zwei Pfennig – nur zwei Pfennig! Doch diese kleine Münze wiegt schwer. Sie steht für die Gleichgültigkeit der Mächtigen gegenüber den Sorgen der einfachen Leute. Für die Politiker in München ist die Erhöhung eine bequeme Lösung, doch sie scheren sich keinen Deut darum, wie tief diese Entscheidung das Leben der Menschen in meinen Gassen trifft.

Die erhitzte Volksseele
Ich erinnere mich, wie es begann. Mit dem Bier hatten die Bayern es immer schon genau genommen. Für sie ist Bier nicht nur ein Genussmittel, sondern ein Grundnahrungsmittel, ein Teil ihrer Kultur und ihres Lebensgefühls. Es gehört zu jedem Fest, jeder Hochzeit und jedem Trauerzug. Gutes Bier für gutes Geld – das ist der unverhandelbare Grundsatz. Doch im Jahr 1910 gerät diese jahrhundertealte Ordnung ins Wanken.

Die Schlagzeilen in den Zeitungen überschlagen sich: „Der Zwoaring brennt!“ und „Die Welt geht unter!“ Diese Titel sprechen nicht nur von dem Halleyschen Kometen, der am Himmel auftaucht und die Menschen mit dem Gedanken an den Weltuntergang erschreckt. Nein, viel brisanter ist für die Bayern die Ankündigung, dass die Maß Bier statt 24 Pfennig nun 26 Pfennig kosten soll. Zwei Pfennig – eine Kleinigkeit in den Augen der Obrigkeit, doch in den Herzen der Menschen ein Stich, der ihre Welt ins Wanken bringt.

Die Empörung schwappt wie eine Flutwelle durch das Land. Die Geselligkeit in den Wirtshäusern, eine feste Säule des Lebens auf dem Land, verteuert sich plötzlich spürbar. Am Stammtisch gärt der Unmut. Auf Hochzeiten und Festlichkeiten herrscht eine drückende Stille, denn die Maß Bier bleibt in vielen Fällen unangetastet. „Trinkt kein Bier mehr!“ lautet der Aufruf der „Vorstandschaft zur Regelung der Preisfrage“. Und die Menschen folgen diesem Ruf.

In den Gassen meiner Nachbarorte sehe ich das Unfassbare: Die Burschenschaft von Mößling kauft faßweise billiges Bier aus einem Nachbardorf und zieht mit diesem durch die Straßen. In Mühldorf kaufen die Menschen Kracherl in der Mineralwasserfabrik, sodass die Wirte statt fünf Hektolitern nur noch 70 Maß am Tag verkaufen. In Palling verpflichten sich die Bürger sogar schriftlich, Geldbußen zu zahlen, wenn sie das teurere Bier doch trinken sollten.

Die Stimmung wird rauer. Brauer, die sich in Wirtshäusern blicken lassen, werden beschimpft und bedroht. Manche Wirte zapfen überhaupt keine Fässer mehr an. Stattdessen wird Limonade und Apfelwein gereicht. Der Bierkrieg ist in vollem Gange.

Die Obrigkeit versucht, die Ordnung wiederherzustellen, doch selbst die Bürgermeister, Gemeinderäte und Gendarmen schließen sich dem Protest an. Die Staatsdiener, die das Gesetz eigentlich durchsetzen sollen, zeigen offen ihre Gegnerschaft. Sie dulden die Aufstände nicht nur, sondern arbeiten teils sogar mit den Streikkomitees zusammen.

Dann wird die Wut zur Gefahr. Die ersten Drohbriefe werden an Brauereibesitzer geschrieben, in denen ihnen der „rote Hahn“ angedroht wird – ein Synonym für Brandstiftung. Mitte Mai brennt in Markt Schwaben der Heuboden des Oberbräu, und auch in Niederbayern lodern die Flammen: Schuppen und Vorratslager von Brauereien gehen in Rauch auf.

Es sind Tage, in denen Bayern bebt. Ende Mai erscheint in der Zeitschrift Jugend eine Karikatur mit dem Titel „Nibelungentreue“. Sie zeigt Borussia, die martialisch mit Helm und Schwert ausgestattet ist, wie sie Bavaria, die in traditioneller Tracht niedergeschlagen auf einer Bank sitzt, anbietet: „Habe jehört, Bavaria, bei Dir herrscht, äh, Bierkrieg! Stehe jederzeit mit meinen Rejimentern zur Verfügung!“ Dieser sarkastische Seitenhieb auf die Abhängigkeit Bayerns von Preußen trifft die Volksseele ins Mark und macht den Ernst der Lage deutlich – ein bitteres Sinnbild für die Spannungen innerhalb des Reiches.

Doch in all dem Chaos spüre ich, Dorfen, wie ein Funke von Stolz durch mich zieht. Denn in dieser hitzigen Zeit zeigt sich die Stärke der bayerischen Seele – leidenschaftlich, kompromisslos und unerschütterlich. Bier ist für sie mehr als ein Getränk. Es ist Identität, Zusammenhalt und Ausdruck des Lebens. Ich bin Dorfen, und diese Geschichte hallt in meinen Straßen noch immer nach.

Ein Sonntag der Flammen und des Freibiers
Der 5. Juni 1910 lebt in meiner Erinnerung wie ein Bild, das von sengender Hitze und aufgeladenen Gefühlen gezeichnet ist. Es ist ein Sonntag, jener besondere Markttag, an dem sonst Lachen und Geschäftigkeit meine Gassen erfüllen. Doch heute liegt etwas in der Luft – eine Spannung, die knistert wie trockenes Heu unter der prallen Sonne. Seit Tagen brennt sie erbarmungslos von einem wolkenlosen Himmel, trocknet Kehlen aus und erhitzt die Gemüter. Meine Männer, mein starkes Geschlecht, haben seit Wochen kein Bier mehr getrunken. Sie strafen die verhassten Brauer mit sturer Verachtung und halten sich eisern an den Boykott. Doch heute scheint sich all der aufgestaute Groll zu entladen.

Schon am Morgen riecht es nach Ärger. Die Marktkirche ruft zum Gottesdienst, doch die brütende Hitze lässt viele lieber im Schatten bleiben, ihre Gedanken kreisen weniger um Gebete als um den Durst, der keine Linderung findet. Gegen Mittag, als die Sonne im Zenit steht, beginnt es. Aus heiterem Himmel bricht das Chaos aus. Die Gastwirtschaft "Zum Jakobmayer" steht plötzlich in Flammen. Ein gewaltiges Feuer lodert auf, und wenige Minuten später erreicht die Glut auch die Soafa der Wailtl-Brauerei. Der Brand frisst sich unbarmherzig durch die Nachbarhäuser, eine wütende Bestie, die von den heißen Böen noch angefacht wird.

Als die Glocken meiner Marktkirche zu schrillen beginnen, glauben viele zuerst, es sei ein übler Scherz. Doch die Rauchwolken, die wie drohende Unheilsboten über mir aufsteigen, lassen keinen Zweifel: Es ist ernst. Feuerwehren aus der ganzen Umgebung eilen herbei, mit ihnen Schaulustige und Helfer – nicht zuletzt angelockt von dem Versprechen auf reichlich Freibier. Es fließt in Strömen. Krüge, Eimer und sogar Milchkannen dienen als Gefäße, um den Durst der Männer zu stillen. Wochenlang hatten sie auf ihr Bier verzichtet, doch jetzt, inmitten der Löscharbeiten, brechen alle Dämme. Der Alkohol trübt die Sinne, und die Stimmung schlägt um. Was als ernster Einsatz beginnt, wird bald ein ausgelassenes Fest.

Die Feuerwehrmänner streiten sich untereinander, während der Zorn auf die Brauer wächst. „Tadellos brennt’s!“ höre ich immer wieder in spöttischem Ton. Am Abend, als die Flammen nachlassen und die ersten Sterne am Himmel erscheinen, entlädt sich die aufgestaute Wut. Vor der Bachmayer-Brauerei versammeln sich angetrunkene Burschen, die nicht nur laut schimpfen, sondern auch handeln. Fenster zersplittern, Türen werden aus den Angeln gerissen, die Wirtsstube wird gestürmt. Tische, Stühle, Krüge – nichts bleibt unversehrt. Die Familie des Brauereibesitzers hat sich in ihrer Wohnung verbarrikadiert, verzweifelt und voller Angst.

Es ist die Tochter des Ökonomierats Josef Bachmayer, die ihren Vater schließlich überredet, hinauszugehen und den tobenden Männern entgegenzutreten. Der alte Mann wagt den Schritt, stellt sich mutig auf einen Stuhl und hebt die Hände, um die Menge zur Ruhe zu bringen. Mit fester Stimme erklärt er: „Der Bierpreis wird zurückgenommen. Ab sofort kostet die Maß wieder 24 Pfennig.“ Ein Moment des Schweigens folgt, bevor die Erleichterung wie eine Welle über die Menge schwappt. Die Männer jubeln, heben den eben noch verhassten Brauer auf ihre Schultern und feiern ihn wie einen Helden.

Und so klingt dieser hitzige Tag in einem seltsamen Frieden aus. Noch in der Nacht fließt das Bier wieder – nicht mehr aus Zorn, sondern aus purer Freude und Erleichterung. Die Sieger, noch berauscht von ihrem Triumph, rufen laut über den Marktplatz: „Jetzt geht’s einer, jetzt kost’s Bier grad mehr 24 Pfennig!“ Ihre Stimmen hallen durch meine Gassen, getragen von einer Mischung aus Jubel und Erschöpfung. Doch ich, Dorfen, fühle tief in meinen Mauern die Nachklänge dieses Tages – den Zorn, die Flammen, die zerstörte Ordnung. Dieser Tag brennt sich in mein Gedächtnis ein, als ein Tag, an dem die Leidenschaft meiner Menschen so lodernd und unbändig war wie das Feuer, das meine Gebäude verschlang.



Nachklänge des Bierkrieges
Es ist der Morgen nach dem Brand, der den Sommer in Dorfen überschattet hat. Der Sturm, der uns in den letzten Tagen beherrscht hat, flaut ab, doch der Zorn, der in unseren Köpfen loderte, erglüht noch immer. Der „Bierkrieg“, wie er später in den Geschichten genannt wird, hallt durch die Straßen, und auch ich, Dorfen, spüre ihn tief in meinen Mauern. Die Ereignisse sind nicht ganz verklungen, ihre Spuren brennen sich in meine Erinnerung ein.

Am nächsten Morgen, nach den Feiern, die uns mit Freibier labten und die Wunden, die der Zorn des Volkes geschlagen hatte, ein wenig heilten, war die Angst allgegenwärtig. Die Brauer in Erding, die mit Schrecken auf das Flammenmeer in Dorfen blickten, fühlten sich unwillkürlich angesprochen. Eine Nachricht, in dicke Kreideschrift geschrieben, steht an einer ihrer Brauereien: „Morgen brennts!“ Doch glücklicherweise bleibt es dabei – der Krieg flaut ab, der Zorn verfliegt, und die Sonne, die uns in den Fluten von Bier begleitete, scheint nun ein wenig versöhnlicher.

Trotz allem brennt in den Herzen derer, die sich am Aufruhr beteiligt haben, noch immer eine glimmende Glut. Fünfundzwanzig Menschen werden verhaftet, darunter zwei Bauernburschen, die sich tapfer als Rädelsführer erwiesen hatten. Einer von ihnen, ein starker Mann, hatte einem Gendarmen sogar einen Schlag versetzt. Der Tag nach dem Aufruhr ist ein Erwachen – der Sieg, den wir gefeiert hatten, war teuer erkauft.

Am 14. Dezember 1910 versammeln sich die Angeklagten vor dem Münchner Landgericht. 25 Hauptangeklagte, die sich wegen Landfriedensbruchs und Sachbeschädigung verantworten müssen, stehen vor den Richterbänken. Ein weiteres Dutzend Angeklagter wartet auf ihren Auftritt. Zeugen, die einst mit Bierkrügen auf dem Marktplatz standen, und der Glaube an Gerechtigkeit, der uns in diesen Tagen begleitete, sind nun flüchtig geworden. Es ist, als hätten alle in diesen Tagen ihre Erinnerung verloren. Niemand kann einen der Betroffenen benennen. Selbst die Brauereibesitzer, die damals die Zeche zahlten, können keine Namen nennen. „Gedächtnisschwäche“, heißt es im Gerichtssaal – das größte Urteil, das die bayerische Justiz je gesprochen hat.

Die Urteile fallen mild. Die höchste Strafe beträgt 15 Monate Gefängnis, andere müssen bis zu neun Monate einbüßen. Insgesamt werden 72 Monate auf die restlichen Angeklagten verteilt. Doch die Zeit des Unrechts ist bald vorbei. Ein Nachzüglerprozess bringt noch weitere „Radaubrüder“ vor Gericht, doch die Geschichte hat ihren Platz in den Chroniken gefunden.

In der Rückschau auf diese „gute alte Zeit“, die vor dem Ersten Weltkrieg liegt, wird oft mit einem Lächeln gesagt: „Es war eine liebe Zeit.“ Der Prinzregent, der noch regierte, und das Bier, das damals dunkler war als es heute je wieder sein wird. Die Burschen, die schneidig in ihren Trachten durch die Straßen zogen, und die Dirndl, die mit Anstand und Würde ihre Blicke senkten. Ja, vieles war damals in Ordnung, und für Ordnung sorgte die Gendarmerie, die unser Dorf durchstreifte, stets mit einem scharfen Auge. In dieser Zeit hatten wir noch das Gefühl von Geborgenheit.

Doch die Gerechtigkeit, die für uns alle erkämpft wurde, hing immer an einem zarten Faden. Schließlich einigen sich die Streithähne, wie es immer wieder geschieht: Das Bier erhält garantiert 12 % Stammwürze, und die Maß kostet 26 Pfennige – ein symbolischer Frieden, der den Streit beendet.

Und so erinnert man sich viele Jahre später in Dorfen an den „Bierkrieg“, und das Lächeln, das dabei auf den Lippen der Menschen liegt, ist eine Mischung aus Wehmut und Stolz. „Le Figaro“, eine französische Zeitung, feiert den Krieg von Dorfen. „Zwei Feuerwehrleute machen einen Soldaten“, heißt es dort, und um dieses Sprichwort zu verstehen, müsse man nach Bayern kommen. Ein Hauch von Ironie und Humor – genau das, was Dorfen ausmacht.

Ludwig Thoma lässt seinem Alois Hingerl in der Geschichte „Ein Münchner im Himmel“ sagen: „Eiern Manna kennts selber saufa.“ Und wir, die wir damals auf den Marktplätzen standen, wissen genau, was er meint. Es war mehr als nur ein Krieg ums Bier – es war ein Kampf um unsere Seele, um das, was uns ausmachte. Und in den endlosen Gesprächen, die noch viele Jahre nach dem „Krieg“ geführt wurden, bleibt die Erinnerung daran stark, lebendig und voller Leidenschaft.
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1908 - Kurz vor dem Staatsbankrott
Seine kaiserliche Majestät Wilhelm II. braucht Geld für die Staatskasse, die durch totale Hochrüstung leer ist. 1908 ist das Deutsche Reich mit 4,5 Milliarden Mark verschuldet, steht vor dem Staatsbankrott.

1909 - Kanzlerwechsel
Der glücklose Reichskanzler von Bülow muß 1909 zurücktreten, sein Nachfolger Bethmann-Hollweg führt neue Steuern ein, denn bei Ebbe in der Haushaltskasse ist es für die Regierenden seit jeher guter Brauch, zunächst einmal die Abgaben der Untertanen zu erhöhen.

15. März 1910 - "Malzaufschlaggesetz"
Das Königreich Bayern muß sich dem Druck der Preußen beugen und verabschiedet in der Folge am 15. März 1910 das "Malzaufschlaggesetz".
Die Brauer sollten die "Malzaufschlagsteuer", progressiv gestaffelt nach ihrem Gesamt-Malzverbrauch, an das Finanzamt abführen.

19. März 1910 - Münchner Post
Die "Münchner Post" berichtet: "Bierpreiserhöhung - Der Zentrumsabgeordnete Saffer hält es also für ganz selbstverständlich, dass alle Steuern ohne weiteres auf die Konsumenten, auf die große Masse der durch alle direkten und indirekten Steuern verhältnismäßig am meisten belasteten Besitzlosen abgewälzt werden."

15. Mai 1910 - Bierpreiserhöhung
Die Bierbrauer jedoch schlagen die Malzaufschlagsteuer prompt vollständig auf den Bierpreis auf und die Wirte und Flaschenbierverkäufer geben die Verteuerung direkt an die Endverbraucher weiter, indem sie den Bierpreis erhöhten.
Für die Maß müssen nun 26 statt 24 Pfennig bezahlt werden.

18. Mai 1910 - „Der Zwoaring brennt“ und „Die Welt geht unter“
Daß der Halleysche Komet den unmittelbar bevorstehenden Weltuntergang anzeigt hätte man in Bayern gerade noch verkraften können, aber daß die Maß Bier statt 24 Pfennig jetzt um zwei Pfennig mehr kosten soll, erregt die Leidenschaften, erhitzt die Gemüter und bringt die Bayerische Volksseele zum Kochen.

19. Mai 1910 - Vorstandschaft zur Regelung der Preisfrage
Nachdem am 19. Mai die Welt immer noch nicht untergegangen war, erfolgt von der Vorstandschaft zur Regelung der Preisfrage ein Aufruf:
„Trinkt kein Bier mehr! Die Festlichkeiten, Hochzeiten und Leichentrunke sollen für die Streikdauer aufgehoben werden. Wir gehen einer ernsten Sache entgegen. Einigkeit, Zusammenhalt und Ausdauer ist unsere Devise“. Die Volksseele kocht.

22. Mai 1910 - Bierstreik trifft Wirte
In Mühldorf ziehen zweihundert Streikende zur Mineralwasserfabrik und kaufen Kracherl, so daß ein Wirt statt der üblichen fünf Hektoliter nur mehr siebzig Maß pro Tag verkauft.
In Palling verpflichten sich die Leute unterschriftlich, recht beachtliche Geldbußen zu zahlen, wenn sie gegen das Bierverbot verstoßen sollten.
Bei Rosenheim bei einer Hochzeit mit 150 Geladenen, bekommen nur die Musikanten Bier.
Beim Veteranenfest in Tyrlaching und Kirchweidach entfällt der Umtrunk.
Selbst Wallfahrer verzichten auf die flüssige leibliche Erquickung nach ihrer "seelischen Speise".
Viele Gastwirte zapfen überhaupt keine Bierfässer mehr an, weil die Gäste nun lieber Limonade und Apfelwein trinken statt Bier.

23. Mai 1910 - Kommunal-Beamte unterstützen Streik-Komitees
Bayerische Bürgermeister, Stadt- und Gemeinderäte sowie die Gendarmerie vor Ort gehen den Vorfällen nur halbherzig, widerwillig oder gar nicht nach, ja sie arbeiten teilweise sogar bei den Streik-Komitees mit.


23. Mai 1910 - Brauer stecken zurück
Brauer, die sich in Wirtshäusern sehen lassen, werden übel beschimpft und bedroht und es kommt sogar zu Prügeleien. Der Bierkrieg ist in vollem Gange.
Die Brauer stecken angesichts des Volkszornes zurück und verkaufen das Bier wieder zum alten Preis.

26. Mai 1910 - Erhöhung bleibt
Nachdem die Brauer zunächst, angesichts des Volkszornes, zurückgesteckt und das Bier wieder zum alten Preis verkauft hatten, beschließen sie doch wenige Tage später in einer Versammlung in Mühldorf, daß es bei der Erhöhung bleiben solle.

29. Mai 1910 - Der "rote Hahn" erscheint
Die ersten Drohbriefe werden an die Brauer geschrieben, ihnen angedroht, auf ihren Besitz den "roten Hahn" zu setzen: „Daß du dirs merkst! Wenn das Bier nicht bis zum nächsten Sonntag wieder seinen alten Preis hat, dann kannst was erleben! Dann brennen wir dir dei ganze Kalluppn nieder und die Wirtshäuser damit.“

31. Mai 1910 - Karikatur Nibelungentreue
In der Zeitung Jugend vom 31.05.1910 erscheint die Karikatur Nibelungentreue. Die Karikatur zeigt Borussia, die Bavaria Truppenbeistand beim Bierkrieg anbietet. Borussia: "Habe jehört, Bavaria, bei Dir herrscht, äh, Bierkrieg! Stehe jederzeit mit meinen Rejimentern zur Verfügung!"

5. Juni 1910 - Bierkrieg in Dorfen
Es ist nach ein Uhr, als die Bachmayer‘schen Gastwirtschaft "Zum Jakobmayer" in Flammen aufgeht. Kurze Zeit darauf brennt auch die "Soafa" der Wailtl-Brauerei. Das Feuer erfasst schnell auch benachbarte Gebäude.
Rund sechs Stunden nach Ausbruch des Brandes, also gegen 19 Uhr, ist das Feuer unter Kontrolle. Die an den Löscharbeiten Beteiligten versammeln sich jetzt am Marktplatz um sich mit ganzer Hingabe dem Freibier zu widmen.
Nachts um zehne sammelt sich dann eine Menge angetrunkener Burschen, stürmt die  Brauerei der Familie Bachmayer und zerstört die Wirtsstube. Den Gendarmen bleibt nur noch die Flucht in das Gebäude der Brauerei Bachmayer.
Am Ostbahnhof in München wird eine Kompanie Pioniere verladen zum Einsatz im Bierkrieg von Dorfen.
Der alte Ökonomierat Josef Bachmayer verkündet die Rücknahme des Bierpreises. Der schon unter Dampf stehende Militärzug braucht nicht mehr auszufahren.

6. Juni 1910 - "Morgen brennts"
Die Erdinger Brauer bekommen es mit der Angst zu tun; an einer Brauerei steht mit Kreide: „Morgen brennts“. Soweit kommt es dann nicht, der Krieg flaut ab.

13. Juni 1910 - Einigung
Die Kampfhähne einigen sich. Das Bier erhält garantiert 12% Stammwürze — und die Maß kostet 26 Pfennige.

19. Juni 1910 - Le Figaro
„Le Figaro“, Paris, berichtet von dem Dorfener Bierkrieg und zitiert ein französisches Sprichwort: Zwei Feuerwehrleute machen einen Soldaten. Um dieses Sprichwort ganz zu verstehen, müsse man, so meint die Zeitung, nach Bayern gehen.

4. Juli 1910 - Verhaftungen wegen Landfriedensbruches
25 Personen werden wegen Landfriedensbruches verhaftet, darunter zwei Bauernburschen als Rädelsführer, von denen einer den Gendarmen niedergeschlagen hatte.

14. Dezember 1910 - Prozess der merkwürdigen "Gedächtnisschwäche"
Die Geschehnisse in Dorfen haben ein Nachspiel vor dem Münchner Landgericht. 25 Hauptangeklagte müssen sich
Am 14. Dezember 1910 werden die Hauptangeklagten wegen Landfriedensbruch, Sachbeschädigung und Werfen mit Steinen und anderen Gegenständen verantwortet. Geladen sind auch 150 weitere Angeklagte und Zeugen, die beim Betreten des Gerichtssaales eine merkwürdige "Gedächtnisschwäche" befällt.

11. Januar 1911 - Nachzüglerprozeß
In einem Nachzüglerprozeß werden 1911 in Dorfen weitere Radaubrüder wegen Ruhestörung, Widerstand gegen die Staatsgewalt und Beleidigung verurteilt.

5. Dezember 1911 - Ein Münchner im Himmel
Ludwig Thoma lässt seinem Alois Hingerl in der Geschichte „Ein Münchner im Himmel“ von 1911 sagen: „Eiern Manna kennts selber saufa“.

1945 - Amerikaner in Dorfen
Als die US-Truppen 1945 in Dorfen einrücken, fragt ein Soldat aus Pennsylvania nach dem „famous“ Bierkrieg von 1910. Dieses Ereignis machte Dorfen international bekannt – bemerkenswert, dass die Amerikaner es anerkennend erwähnen, statt abfällig über Deutschland zu sprechen.

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