Sonntag, 27. April 2025

Dorfens Rathäuser

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In den steinernen Mauern von Dorfen pulsiert nicht nur das Herz der Stadt, sondern auch die Geschichte von vier Rathäusern, die im Laufe der Jahrhunderte immer wieder neu errichtet werden und die Seele der Stadt widerspiegeln. Jedes dieser Gebäude erzählt eine eigene Geschichte von Aufbruch, Herausforderung, Zerstörung und Wiederaufbau, und doch sind sie alle untrennbar miteinander verbunden durch den Wunsch der Bürger, ihre Selbstverwaltung zu bewahren und das Gesicht ihrer Stadt zu prägen.

Das erste Rathaus, das Gründungsrathaus, wird zwischen 1229 und 1231 unter Herzog Ludwig dem Kelheimer errichtet. Inmitten des entstehenden Marktes Dorfen dient es nicht nur als Verwaltungszentrum, sondern auch als Symbol des Widerstandes gegen die nahen politischen Mächte. Doch schon im Jahr 1504, während des Landshuter Erbfolgekriegs, wird das Rathaus der ersten Zerstörung anheimfallen. Die Spuren dieses ersten Rathauses sind bis heute in der Stadtgeschichte verankert, auch wenn der Wiederaufbau und die Veränderungen, die folgen, die Identität des Gebäudes immer wieder verändern.

Das zweite Rathaus, das Brandstattrathaus, wird nach dem großen Brand von 1650 neu erbaut und steht an der Stelle des alten. Es erlebt in den folgenden Jahrhunderten eine Vielzahl von Umbauten und Verschönerungen. Hier finden sich nicht nur die politischen Geschicke Dorfens, sondern auch die Kunst und das Handwerk in Form von Gemälden, die die Ratsstube schmücken, und prächtigen Verzierungen, die das Gebäude zieren. Doch auch dieses Rathaus wird im Laufe der Zeit immer wieder den Herausforderungen von Reparaturen und Erweiterungen ausgesetzt.

Mit dem Bau des Landgerichts zieht das dritte Rathaus, das Rathaus am Taubenmarkt, in ein neues Gebäude am Taubenmarkt ein. Von 1857 bis 1860 errichtet Maurermeister Gerbl dieses stattliche Bauwerk, das bis in die 1960er Jahre als Verwaltungszentrum dient. Es ist ein Symbol des Aufbruchs und der Modernisierung, doch auch dieses Gebäude ist nicht für die Ewigkeit bestimmt.

Schließlich, im Jahr 2017, fällt das alte Rathaus und macht Platz für das Neue Rathaus, das das moderne Dorfen repräsentiert. Doch die Geschichte dieser vier Rathäuser lebt weiter, in den Erinnerungen der Bürger und in den Mauern, die noch immer den Platz prägen.

In den folgenden Abschnitten lade ich euch ein, die Geschichte dieser vier Rathäuser nachzuvollziehen – von ihren Ursprüngen im Mittelalter bis hin zu den Veränderungen, die Dorfen bis heute prägen. Diese Rathäuser sind mehr als nur Gebäude; sie sind lebendige Zeugen der Entschlossenheit und der Identität der Stadt, die immer wieder in der Lage ist, sich neu zu erfinden und ihre Geschichte weiterzuschreiben.
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„Kommen Sie mit? Schauen Sie es sich an – hier entlang!“
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Gründungsrathaus
1229 bis 1231 - Gründung des Marktes
Herzog Ludwig den Kelheimer gründet den Markt Dorfen als einen Stützpunkt gegen das Hochstift Freising (Herrschaft Burgrain), die Grafschaft Haag und das salzburgische Mühldorf.
Das Rathaus, das Symbol der Selbstverwaltung der Bürgerschaft, steht im beherrschenden Mittelpunkt des großen, kreuzförmigen Platzes neben der Marktkirche auf dem Platz des heutigen Amtsgerichtsgebäudes.

1504 - Landshuter Erbfolgekrieg
Im Landshuter Erbfolgekrieg 1504 wird auch Dorfen schwer mitgenommen, das Rathaus zerstört, wieder neu aufgebaut und steht dort bis zum großen Marktbrand von 1650.

Brandstattrathaus
1650 bis 1686 - Neubau nach Marktbrand
Bei dem großen Marktbrand im September 1650 wird das Rathaus wiederum ein Opfer der Flammen, wie die ganze rückwärts liegende südöstliche Häuserfront.
Amtskammerer Moser, der selbst alles verloren hat, beginnt bald mit dem Neubau.

1661 - Schlechter Rohbau
Die Regierung Landshut rügt 1661, daß mit großen Kosten nur ein schlechter Rohbau aufgeführt wurde, und verlangt die Einsendung von Überschlägen zur Vollendung des Gebäudes.

1686 - Fertigstellung
Bis zur Fertigstellung des Neubaues von 1650 vergehen einige Jahrzehnte, und erst auf einen neuerlichen Befehl der Regierung wird 1686 das Rathaus ausgebaut.
Der Weinwirt Andre Plaichshirn leiht dazu 300 fl, auch die Leprosenhausstiftung muß 300 fl leihen.

1686 bis 1690 - Rathausgemälde
Von 1686 bis 1690 finden sich Stifter für schöne Gemälde zum Schmuck der Ratsstube.
Es sind sechs Bilder des Wasserburger Maler Gregor Sulzböck mit verschiedenen Szenen aus dem alten und neuen Testament, teilweise mit Bezug auf die richterlichen Funktionen der Ratsherrn, und mit originellen lateinischen Versen.
Die Darstellung der letzten Dinge stammt von 1686; die des Salomonischen Urteil, ist ein Geschenk des Handelsmanns Nikolaus Philipp (jetzt Kaufhaus Görz).
Das Bild „Christus vor dem hohen Rat” stiften 1687 der Vicekammerer Johann Greißl und vier Ratsherren mit dem Marktschreiber.
Die Darstellung des armen Lazarus und des reichen Prassers ist ein Geschenk von zwei Bürgern.
Die Hochzeit von Kana stiften wiederum fünf Bürger, und zuletzt schenkt der Maler selbst 1690 das Bild von Maria Magdalena und Martha.

1701/1799 - Beschreibung und Abbildungen des Rathauses
Der Kupferstich von Wening von 1701 und die Ansicht von 1799 auf dem Deckengemälde in der Marktkirche zeigen das Rathaus mit seinem hohen geschweiften Barockgiebel, der hinausragt über die anderen Bürgerhäuser.
Im Erdgeschoß sind in einem Durchgang die Fleischbänke der Merzger, sonst keine Amtsräume.
Im ersten Stock befindet sich in der Ratsstube, wo die Ratssitzungen gehalten werden, ein Kruzifix, sechs Tafeln, d.h. die Rathausgemälde, und mehrere Sesseln.
Im danebenliegenden Bürgerstübl sind die Geräte für den Strafvollzug, nämlich sieben Fußschellen mit Ketten, zwei Handschellen, zwei Geigen, drei Stockschlösser, eine doppelte Geige (beschafft 1727) und ein eiserner Maulkorb (beschafft 1735).
In einem weiteren Raum sind drei hölzerne Feuerspritzen, Feuerhacken, Eichgeschirr und eine kupferne Waage.
Der zweite Stock ist ein einziger Raum, der bei Hochzeiten und festlichen Anlässen als Tanzboden benutzt wird. Hier sind auch 160 lederne Feuereimer aufbewahrt und ein Springer oder „Kueh” von Eichenholz, eine Art Käfig zum Einsperren eines Missetäters.

1747 - Reparaturen
Die Kammerrechnung von 1747 berichtet von größeren Reparaturen. Die Balkendurchzüge sind abgefault und das Gebäude hat große Risse. Die Kosten für die Reparierung des Rathauses und der vier Marktstore belaufen sich in diesem Jahr auf 437 fl.

Um 1800 - Barockgiebel
Zu Beginn des 19.Jh. wird der Barockgiebel entfernt, da er auf einem Vorivbild von 1820 nicht mehr zu sehen ist.

1830 - Verwendung als Landgericht
Als sich der Markt 1830 erstmals um die Errichtung eines Landgerichts bewirbt, bietet er das Rathaus als Lokal für die Amtsräume mit Gerichtsdienerwohnung und Gefängnis an, und lässt deshalb einen Plan anfertigen. Demnach sind im Erdgeschoß neben den Fleischbänken auch die Waage und Wohnung des Waagmeisters untergebracht.
Bei dem Umbau des alten, nicht einmal rechteckigen Gebäudes, sollen alle Innenmauern erneuert werden.

1837/1843 - Neues Schulhaus
1837 und 1843 plant man an die Aufführung eines neuen Gebäudes, das zugleich als Rathaus und Schulhaus dienen soll, da das alte Schulhaus auf dem Berg ganz unzureichend ist.

1838 - Plan für Schulgebäude
Maurermeister Bernlochner von Landshuf macht 1838 einen Plan zu einem Gebäude mit langer gotischer Front nach dem Vorbild der Erdinger Schrannenhalle und der stolzen Aufschrift „Civi et juventuti” (= für den Bürger und die Jugend).

1844 - Erweiterung des alten Schulhauses
1844 entschließt man sich aus finanziellen Gründen zur Erweiterung des alten Schulhauses anstelle des geplanten Neubaues von 1837.

1846 - Neuer Anstrich
Dem sehr herabgekomnen alten Rathaus gibt man 1846 wenigstens einen neuen Anstrich.

1853 - Verwendung als Landgericht
1853 werden die Pläne zur Errichtung eines Landgerichts wieder aufgegriffen, und die Bürgerschaft will wiederum ihr Rathaus dazu hergeben.
Die Regierung lehnt es ab, weil es zu klein ist, und ganz niedergelegt und aufgebaut werden müßte.

1857 - Platz des Rathaus
Nach Prüfung verschiedener anderer Projekte kommt die Regierung auf das alte Rathaus zurück und die Marktgemeinde überlässt 1857 den Platz des Rathauses unentgeltlich der Regierung zum Bau eines Landgerichts und übernimmt noch dazu die Hand- und Spanndienste zum Neubau.
Obwohl der Vertrag mit der Regierung zum Neubau des Landgerichts die Klausel enthält – sollte das Gericht irgendwann aufge­löst werden, fällt das Grundstück wieder an die Gemeinde zurück ver­kauft der Staat 1964 das Gerichtsgebäude samt Grundstück.

Rathaus am Taubenmarkt
1857 bis 1860 - Bau des Rathauses
Nun hat der Magistrat als Amtslokal nur mehr ein einziges, gemietetes Zimmer, da schließlich der Platz des alte Rathaus der Regierung zum Neubau des Landgerichts überlassen wurde.
Da man sich über den Neubau eines Rathauses nicht so schnell einigen und auch die nötigen Mittel nicht beschaffen kann, baut Maurermeister Gerbl nun am Taubenmarkt auf eigene Kosten und eigenes Risiko von 1857 bis 1860 ein stattliches Rathaus, es enthält Lokale für die Marktwaage und Feuerlöschgeräte, einen Polizei- und Bürgerarrest, die Wohnung des Polizeidieners, Kanzlei mit Registratur und Sitzungssaal und einem feuerfesten Kassagewölbe sowie Wohnräume für die Marktschreibersfamilie.

1860 - Kaufvertrag
Gerbl, der am 1. Oktober 1860 Bürgermeister wurde, schließt am 8. Oktober 1860 mit der Gemeinde einen vorläufigen Kaufvertrag über das fertige Rathaus.
Die Regierung von Oberbayern fühlt sich aber umgangen und verweigert die Genehmigung; sie beanstandet auch die übermäßige Größe der Marktschreiberwohnung und die geringe Sicherung des Kassalokals.

1863 - Genehmigung des Ankaufs
Das Ministerium genehmigt den Ankauf des Hauses um 14000 fl.
Die Marktgemeinde überlässt durch Vertrag vom 7. Juli 1863 das ehemalige Benefiziaten- und Marktschreiberhaus im Wert von 4000 fl dem Maurermeister Gerbl, wofür dieser schon seit 1860 mietweise benützte Rathaus gegen eine Aufzahlung von 10 000 fl an die Gemeinde abtritt.
So hat der Markt Dorfen wieder ein stattliches Rathaus, das im Kern, mit einigen zwischenzeitlichen Umbauten bis zum Jahr 2017 in Betrieb ist.

1863 - Erhebung des Lokalmalzaufschlages
Die Gemeinde Dorfen ersucht um die Erhebung des Lokalmalzaufschlages mit einem jährlichen Ertrag von 2500 fl auf 2 Jahre zur Bestreitung seiner Ausgaben.
Es sind wirklich bedeutende Opfer, die die Marktgemeinde damit übernimmt, da auch viele andere Ausgaben bevorstehen, so für die Pflasterung des Marktplatzes, die Räumung des Herzoggrabens und die Erweiterung des Friedhofes.

1899 - Postkartenidylle
Einer Postkarte, auf der das Datum 10. August 1899 vermerkt ist, zeigt das Rathaus mit seiner neugotischen Fassade mit den großen Tor-Bogen im Parterre in der Mitte der Eingang, rechts der Zugang zur Feuerwehr gegenüber das Amtsgericht dazwi­schen die Wirtschaft und Metzgerei Eiber und einen Teil des unbefestigten Platzes.

1917 - Ablassung des Sitzungs­saales
Bürgermeister Jakob Film beantwortet einen Antrag des protestanti­schen Pfarramtes Feldkirchen mit Hinweis auf einen Magistrats­be­schluss wie folgt: „Die Gemeinde kommt selbstverständ­lich dem Pfarramt in jeder Weise entgegen und stellt den Sitzungssaal des Rathauses für die Abhaltung von Gottesdiensten des am 18. November 1917 gegründeten protestantischen Vereins Dorfen zur Verfügung“.

1950er - Umzug der Polizei
Das Rathaus Anfang der 1950er hat noch den Eingang in der Mitte, dem Tor für die Feuerwehr. Die Polizei ist schon umgezogen in die Sparkasse am Unteren Markt, aber es gibt noch eine Dienstwohnung im 2. Stock mit einer Loggia nach Westen hinaus, in der Angestellter der Marktgemeinde wohnen.

1955 - Umzug der Feuerwehr
Das Rathaus erlebt 1955, nach dem Umzug der Feuerwehr in die Feuerwache an der heuti­gen Jahnstraße mit Diensträumen für die Polizei, einen grundlegender Umbau.
Der Eingang wird in den südlichen Bogen ver­legt und die alte Fassade wird nach den Plänen des Regierungsbaumeisters Wimmer neu gestaltet.

1978 - Haus Friedberger und Kaufhaus Fenk
Neben dem Rathaus entstehen die Neubauten Haus Friedberger und Kaufhaus Fenk, das zu kontroversen Diskus­sionen um das erste mo­derne Gebäude im Zentrum der Stadt führt.

1985 - Neue Amtsräume
Die Stadt Dor­fen erwirbt den 1. Stock des Kaufhauses Friedberger, weil das Rathaus nach der Gebietsreform 1972 und 1978 zu klein geworden war.
Im Zuge dieser Maßnahme bekommt das Rathaus neue Amtsräume, einen Personalraum mit Küchen­zeile und ein eigenes Archiv.

1993 - Barockmaler Johann Caspar Sing
Die Kunsthistorikerin Eva Seib sortiert 1993 in ihrer Dissertation die Dorfener Rathausbilder aus Sings Werkkatalog aus. Sogar die vermeintliche Signatur ist ein starkes Gegenargument, denn Johann Caspar Sing signierte nie mit einem Monogramm.

Nach 1996 - Modernisierungen
Die Modernisierung des alten Rathauses umfasst folgende Maßnahmen: Verlegung des Eingangs in den Mittelbogen, links neben dem Eingang wurde ein Bürgerbüro eingerichtet,
das gesamt Erdgeschoß wurde umgebaut mit Büro für das Einwohnermeldeamt Bespre­chungszimmer/ Trauungszimmer und von außen erreichbar eine öffentliche Toilette.
Außerdem werden zur Schaffung neuer Büros im Marienhof entsprechende Räumlichkei­ten erworben, in denen die Finanzverwaltung , das Standesamt und das Liegenschaftsamt unter­gebracht werden konnten.

Neues Rathaus
2014 - Planung zum Neubau
Ab 2014 wird die Planung eines Neubaues tatkräftig angegangen, ein Wettbewerb beschlossen und die Vorbereitungen voran getrieben, ein Vorhaben von weitreichender Bedeutung für die Stadtverwaltung und das Stadtbild.

2017 - Abriss, Archäologen, Baubeginn
Das Ergebnis des Wettbewerbs wird nach ausgiebigen Diskussionen angenommen und 2017 fällt das alte Gemäuer.
Kaum ist das alte Rathaus weggeräumt, kommen die Archäologen, um nach Spuren unserer Geschichte zu suchen. Sie finden Reste der Werkstatt eines Kupferschmiedes aus der Zeit nahe der Entste­hung des Ortes im 13.Jh.
Und bald ist das Rathaus voll im Betrieb ob in der Verwaltung, bei Hochzeiten oder im Sitzungssaal.

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