Sonntag, 16. März 2025

Jessas – Das blutende Herz von Dorfen

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Im goldenen Licht der Abenddämmerung ruht der Bildstock des „Jessas“ an der Isen, verborgen hinter einem wilden Dornengestrüpp. Der blutende Christuskopf, ein Meisterwerk von Michael Bartmann aus dem Jahr 1957, thront darin aufrecht, eine stumme Anklage und ein stilles Gebet zugleich. Seine Dornenkrone drückt tief in die Stirn, und dunkle Tropfen – Öl, wie man weiß, doch im Herzen fühlt es sich wie echtes Blut an – rinnen in einen kleinen Kelch darunter. Die Technik, die dieses Kunstwerk antreibt, ist so raffiniert wie unscheinbar: Durch Temperaturunterschiede wird das Öl in einem Kreislauf bewegt, ohne Strom, nur durch die Kraft der Natur.

Der Name „Jessas“ ist mehr als ein Ausruf. Es ist eine Verbindung. Eine Brücke zwischen den Menschen und dem Leiden Christi. Für die Gläubigen, die hier innehalten, ist dieses Bild ein Trost in schweren Zeiten. Doch nicht alle Dorfbewohner teilen diese Ehrfurcht.

Streit um den Tränenden Christus
2008 wird die Büste restauriert. Doch als der Christuskopf am Isenwehr aufgestellt wird, entzündet sich eine Kontroverse. Eltern beschweren sich, die Darstellung sei zu grausam für Kinderaugen. Eine Ortsbäuerin schüttelt den Kopf: „Es ist Jesus Christus, der für uns gelitten hat. Das sollten Eltern ihren Kindern erklären. Aber nein, Gewalt im Fernsehen ist in Ordnung, nur der Jessas stört.“

Nach nur kurzer Zeit wird die Büste an einen ruhigeren Ort hinter dem Albrechtstadl gebracht. Dort lebt der Jessas still weiter – bis zu jener schicksalhaften Nacht.

Einbruch und Blutspuren
Eines Nachts im Jahr 2008, unter einem mondlosen Himmel, dringt ein junges Pärchen an den Bildstock vor. Sie tragen Perücken und Badekappen, eine bizarre Maskerade, die mehr Fragen als Antworten aufwirft. Mit einem Stein schlagen sie die Glasscheibe ein, die den Kopf schützt. Ein Splittern, ein lautes Klirren – und dann Stille. Zeugen sehen die beiden flüchten, Blutspuren auf dem zerbrochenen Glas und dem Boden verraten ihre Verletzungen. Doch der Jessas bleibt unversehrt. Es ist, als würde der Christus selbst den Schutz seiner Dornenkrone über ihn legen.

Der Jessas im Verborgenen
Zehn Jahre später, 2018, ist die Büste kaum noch sichtbar. Ein mächtiger Wildrosenstock hat den Bildstock fast vollständig überwuchert. Nur wer genau hinsieht, erkennt die Konturen des blutenden Christus. Für manche ist es ein Zeichen von Vergessenheit, für andere ein Schutz vor weiteren Angriffen. „Vielleicht ist es so besser. Der Jessas findet seinen Frieden.“

Eine Legende, die bleibt
Doch selbst im Verborgenen bleibt der Jessas eine lebendige Legende. Kinder erzählen sich von der geheimnisvollen Technik, die das Blut tropfen lässt. Ältere Dorfbewohner erinnern sich an die hitzigen Diskussionen im Stadtrat und die nächtliche Zerstörungswut. Und wer an der Isen entlanggeht, hält unweigerlich inne, wenn die Abendsonne den Bildstock in goldenes Licht taucht.
Der Jessas ist mehr als nur ein Kunstwerk. Er ist das Herz von Dorfen, ein Spiegel des Glaubens, der Zweifel und der Hoffnungen seiner Menschen. Und so steht er da, still und ewig, verborgen hinter Dornen, und tropft weiter – Blut oder Öl, je nachdem, wie man glaubt.
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1957 - Christuskopf „Jessas“
Der Christuskopf von Michael Bartmann nutzt Temperaturunterschiede und physikalische Prinzipien, um ohne Strom Blut in einen Kelch zu pumpen – ein technisches Meisterwerk.

1958 - Standort am Kino
Das Christus-Abbild samt zugehöriger Technik befindet sich in einem Gehäuse, und steht ab 1958 an der Isen gegenüber dem Dorfener Kino an der Mühlangerstraße.

2008 - Restauration für die Stadt Dorfen
Das Ehepaar Rosmarie und Sepp Mittermeier vermachen die Skulptur der Stadt Dorfen nach einer gründlichen Restauration.

2008 - Standort am B 15-Isen-Wehr stört
Die Darstellung des Blutenden Christus am B 15-Isen-Wehr wird von Passanten für Kinder zu schockierend und als eine Zumutung empfunden.
Die Christus-Statue muss aus dem Blickfeld weg und wird hinter dem Albrechtstadl am Bauernmarkt aufgestellt.

2008 - Anschlag auf den Christuskopf
Ein Pärchen, laut Zeugen eine junge Frau und einen jungen Mann im Alter zwischen 20 und 25 Jahren, die Perücken und Badekappen tragen, versucht dem "Leiden Christi" ein Ende zu bereiten.

2008 - Aufruhr im Stadtrat
Der seit fast 60 Jahren in Dorfen stehende "Tränende Christus" sorgt im Stadtrat für Diskussionen. Er sei "nicht nach jedermanns Geschmack" und soll vor allem Kinder in Angst versetzen.

2016 - Beschädigung
Die Büste des blutenden Christus wird von Rowdies schon wieder beschädigt.

2018 - Wildrosenstock
Gut versteckt hinter einem mächtigen Wildrosenstock ist die Büste des Blutenden Christus nun eingewachsen.
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„Kommen Sie mit? Schauen Sie es sich an – hier entlang!“

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