Donnerstag, 20. März 2025

Dorfin und die Sehnsucht nach Vergebung

📖 Lesezeit: ca. 7 Minuten
Meine erste Erinnerung, tief in der Erde verankert und doch von der Zeit verschont, führt mich zurück zum 28. August 773. An diesem Tag erwache ich in den Zeilen einer Urkunde, genannt als „Dorfin“, ein Wort, das mehr ist als ein einfacher Name. „Dorfin“ – es umfasst mein ganzes Wesen und weist auf die Teile, die mich formen: Oberdorfen, mein Haupthofgut, Unterdorfen mit seinen fleißigen Hofstellen am Ruprechtsberg, und den Ort, den man später als Marktdorfen benennen wird, meinen locus publicus, die Kreuzung der Wege, an denen sich Leben und Handel treffen.

Zu dieser Zeit herrscht Herzog Tassilo III. über uns, und Bischof Arbeo lenkt von Freising aus meine geistige Führung. Oberdorfen, mein Herz, ist das mächtige Haupthofgut, die villa, kontrolliert von den edlen Brüdern Graman und Pabo. Die villa ist das administrative Zentrum, geführt von einem villicus, einem Verwalter, der die Erträge verwaltet und die Arbeit koordiniert. Auf diesen Landstrichen herrschen Ordnung und Disziplin, und von hier aus organisieren Graman und Pabo die umliegenden mansi, die kleinen Höfe, die das Rückgrat meines Wesens bilden.

Unterdorfen, zwei mansi auf dem Ruprechtsberg, ist eine eigene Welt – weniger prächtig als die villa in Oberdorfen, doch von ebenso wichtiger Bedeutung. Die dort ansässigen Bauern sind Hörige, die nicht nur ihre eigenen Felder bestellen, sondern auch Fronarbeit auf den Ländereien des Haupthofes leisten. Ihre Hände graben und säen, sie pflanzen und ernten, und durch ihre Mühe tragen sie zur großen Gemeinschaft bei, die ich bin. Jeder Schlag ihrer Werkzeuge, jeder Tropfen Schweiß, der auf den Boden fällt, ist wie ein Echo, das tief in mir widerhallt und meine Wurzeln stärkt.

Doch dann gibt es auch meinen locus publicus – das, was später als Marktdorfen bekannt wird. Hier, an der Kreuzung der Wege, die von Augsburg nach St. Pölten und von Regensburg nach Rosenheim führen, an der Brücke über die Isen, entsteht ein öffentlicher Ort, an dem sich Menschen versammeln, an dem Handel getrieben und an dem Recht gesprochen wird. Hier, an einen Ort der schon lange vor dem heutigen Tag wichtig war, wurde vor etwa einem Jahrzehnt eine kleine Kapelle aus Holz errichtet. Dieser Ort, so unscheinbar und doch so wichtig, wird zu meinem geistigen Mittelpunkt, denn Arbeo stellt ihn unter den Schutz des heiligen Petrus, ein Symbol der Verbindung zwischen Himmel und Erde.

An diesem besonderen Tag im August 773 kommt es zu einer wichtigen Wende: Graman und Pabo übergeben in einem Akt der Buße ihre villa in Oberdorfen mit den umliegenden Ländereien an Tassilo III und stellen sie unter die Leitung der Kirche von Freising, unter die weise Leitung von Bischof Arbeo. Dieser Besitzwechsel umfasst mehr als nur Land und Gebäude; er schließt Unfreie, Handwerker, Wälder, Wiesen, Mühlen und Wasserläufe ein – eine ganze Welt in meinem Schoß, die nun dem Geistlichen und nicht mehr allein dem Adel gehört. Mit diesem Schritt, der so tiefgreifend und endgültig ist, werde ich untrennbar mit der Kirche verbunden.

Die Schenkungsurkunde bezeichnet mich als „Dorfin“, und das ist kein Zufall. Mein Name ist eine althochdeutsche Mehrzahl, ein Hinweis darauf, dass ich aus mehreren Teilen bestehe. Diese alten Endungen – dorfa, dorfun und dorfin – zeigen meine verschiedenen Gesichter: Ich bin viele und doch eins, eine Gemeinschaft und ein Ort, dessen Teile zusammen das ganze Wesen bilden. Durch diese Sprachen und Namen lebe ich in der Erinnerung meiner Bewohner weiter, wie in der sanften Melodie, die der Wind durch die Felder trägt.
So trage ich seit jenem Tag meine Geschichte in mir – ich bin Dorfen, geboren aus den Feldern, geformt von den Händen der Menschen, die mich bestellen, und gesegnet durch die Weihe des heiligen Petrus.
================≈===============
6. Jahrhundert bis 1050 - Altbairisch
Altbairisch ist die Sprache der Bajuwaren, die im 6. Jahrhundert nördlich der Alpen und südlich der Donau entsteht. Sie entwickelt sich in einer römisch geprägten Umgebung und bleibt stark vom Westgermanischen beeinflusst. Ab etwa 1050 wandelt sie sich zur überregionalen deutschen Literatursprache des Mittelhochdeutschen.

748 bis 788 - Herzog Tassilo III.
Tassilo III. regiert Bayern als letzter Herzog der Agilolfinger. Er fördert die Christianisierung und gründet Klöster. Wegen seiner Unabhängigkeitspolitik gerät er in Konflikt mit Karl dem Großen. 788 wird er abgesetzt, Bayern verliert seine Eigenständigkeit und wird Teil des Frankenreichs.

764 bis 784 - Bischof Arbeo
Bischof Arbeo von Freising stärkt die Christianisierung und kirchliche Organisation Bayerns. Er gründet Klöster wie Schäftlarn und verfasst bedeutende Schriften, darunter die Vita des heiligen Korbinian. Als enger Vertrauter weltlicher Herrscher verbindet er geistliche und politische Interessen und prägt die Region nachhaltig.

28. August 773 - Freisinger Traditionen
Hier übergibt Graman sein und seines Bruders Besitz zu Dorfen: „Und die Mutter Perthswint haben als Erbe in dem Ort, der Dorfin genannt wird, meinen Anteil sowie den meines Bruders Pabo hinterlassen, aus Ehrfurcht vor dem göttlichen Richter und aus Liebe zum zukünftigen Leben zur Vergebung der Sünden, damit ich in dem Maße, wie es dem gütigen Herrn gefällt, die Gnade des Verzeihens erlangen möge. Daher übergebe und übertrage ich ebenjenes Dorf, das uns zu einem Teil zugefallen ist.“

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen